Das Buch der Träume
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Visuelles Verbrechen von Louis Cyphre



Das Nest

* Eine Geschichte von BeautifulExperience *

Für Tanja
In Erinnerung an eine der schönsten Städte auf diesem Planeten

"I thought you'd come around when I ignored you
So I thought you'd have the decency to change
But babe, I guess you didn't take that warning
'Cause I'm not about to look at your face again

Can't you see that you lie to yourself
You can't see the world through a mirror
It won’t be too late when the smoke clears
'Cause I, I am still here”

Avril Lavigne, TOO MUCH TO ASK



"Ich wusste, dass es schwierig sein würde...und dass dennoch die Chance da war, etwas Phantastisches, absolut Faszinierendes zu erleben, das mich mein ganzes Leben lang beschäftigen würde...und ich versuchte zu glauben, dass es möglich war.
So legte ich all meine Kraft in das unglaubliche Unterfangen, diese Brücke zu schlagen und den Weg zu markieren!"

Aus: Doltschin – Die anderen Seiten der Wirklichkeit




Die Aussicht war überwältigend, doch er konnte nichts dagegen tun, weiche Knie zu bekommen.
Schon die Fahrt mit dem Expresslift, der sich mit sechs Metern pro Sekunde in den Himmel schraubte, war gewöhnungsbedürftig. Die Frontseite war vollkommen verglast, und der Lift glitt ohne das leiseste Ruckeln in schwindelerregende Höhen. Er schluckte, doch der Druck in seinen Ohren ließ nicht nach, weil es immer noch höher ging. Als der Lift langsamer wurde und in die Dunkelheit der Zwischenwand glitt, war er erleichtert.
Was ihn beunruhigte, waren die Laute der Vögel. Er hörte sie, noch bevor sich die Fahrstuhltüren öffneten, und sie waren deutlicher als zwei Tage zuvor im Eaton Centre.

Die riesige Glaskuppel zwischen den Häuserzeilen beeindruckte ihn noch mehr als die Vielzahl der unterschiedlichsten Geschäfte, und während er sich in der Menge treiben ließ, schaute er immer wieder hoch, um dem Lauf der einfallenden Sonnenstrahlen zu folgen. Die Blätter mehrerer Bäume neigten sich dem Licht entgegen, und er hörte das Plätschern des zentralen Brunnens, bevor er die Wasserfontänen sah.
Im Herz des Centres schaute er sich um. Er folgte den Fahrstühlen, die an den Fassaden auf- und niederfuhren, er nahm wie im Blitzlicht die Schriftzüge einzelner Geschäfte wahr: Shefield & Sons, Showcase, Zara, Indigo...
Er konnte Stunde um Stunde in diesem riesigen Einkaufszentrum verbringen, ohne dass ihm langweilig wurde. Wenn er von den Geschäften genug hatte, entschied er sich für eine der in der ganzen Passage verteilten zahlreichen Bänke, von denen aus er einen Überblick über mehrere Ebenen haben konnte.
Es war sehr entspannend, die Menschen zu beobachten, einfach zuzusehen, wie sie sich bewegten, zu sehen, wie unterschiedlich sich Männer und Frauen bewegten. Ihm erschien es wie das Studieren der Speisekarte in einem guten Restaurant: jede Speise war verführerischer als die andere, und es machte Spaß, in den Seiten vor- und zurückzublättern, sich den Geschmack der Speisen und Weine vorzustellen, um sich dann zu entscheiden. Ihm fiel auf, dass die Menschen im Centre ihre Entscheidungen spontan trafen: ein Blick, ein leichtes Blinzeln gefolgt von einer Richtungsänderung, die bei mehr als dreihundert Geschäften auf engem Raum oft so unmerklich war, dass die Spontaneität der Entscheidung alles andere als offensichtlich und nur mit einem sehr wachen Auge zu bemerken war.
Dann tauchten diese Menschen ein in das eine oder andere Geschäft, dessen Anziehungskraft sie erlegen waren, oder dessen Angebot mit ihrer augenblicklichen Stimmung übereinstimmte. Früher oder später suchten sie wieder die sanfte Umarmung der Glaskuppel, das Schmeicheln des einfallenden Sonnenlichts, und manchmal erkannte er sie wieder.
Doch niemals an ihren Kleidern, niemals an den Dingen, die sie mit sich trugen. Es war die Art, wie sie sich bewegten, die Art, wie ihre Seele ihrem Körper Ausdruck verlieh.
Er nahm sich Zeit, unauffällig ihre Mimik zu studieren, die Landkarten ihrer Gesichter, und je mehr er sich entspannte, je mehr er seiner wachsenden Aufmerksamkeit vertraute, umso mehr fiel ihm die Übereinstimmung zwischen den mimischen Landkarten und der Bewegungen der Körper auf. Er sah in Gesichter, die die starre Topographie von Gebirgen und deren Körper einen unrunden, eckigen Bewegungsablauf hatten; andere Gesichter hatten die Weite von Ebenen und die Tiefe von Seen, und ihre Körper bewegten sich mit einer Anmut und Sicherheit, die erstaunlich war. Er brachte Stunde um Stunde damit zu, vom Ganzen ins Detail und vom Detail wieder ins Ganze zu gehen, den Fokus seiner Aufmerksamkeit immer gezielter zu verändern und so möglichst viel, immer mehr zu erfassen: ein einzelnes Gesicht, die Bewegung eines Körpers über eine bestimmte Distanz, die Interaktion verschiedener Körper – ihr Ausweichen, ihre Annäherung, die Korrespondenz lebendiger Körper mit ihrem Hintergrund, ihrer Umgebung. Welche Bedeutung hatte die scheinbar tote Materie eines Geschäftes für die lebendige Materie des Menschen, dessen Seele sich auf seine Anziehungskraft einließ? In welcher Relation, auf welche Weise bewegten sich Männer und Frauen zueinander, alte und junge Menschen, Erwachsene und Kinder?
Je mehr er sich entspannte, desto größer wurde seine Wahrnehmungsfähigkeit, desto umfassender wurde sein Blick.
Er hatte den riesigen SkyDome mit seinen beinahe siebzigtausend Plätzen gesehen. Er hatte die Bank Towers im Zentrum des Zentrums bewundert: den Commerce Court mit seinen unzähligen verspiegelten Fenstern an der King Street, wenige Meter westlich davon die drei schwarzen Hochbauten des Toronto Dominion Centres und die Canada Trust Towers mit ihren treppenförmigen oberen Stockwerken an der Ecke Bay Street/Front Street. Doch nichts war vergleichbar mit dieser unglaublichen Lebendigkeit, diesem außergewöhnlichen Tanz unsterblicher Seelen im Eaton Centre.
Als seine Augen den Bewegungen nicht mehr folgten, sondern eins mit den Bewegungen wurden, hatte er einen Grad von Wachheit wie noch nie zuvor in seinem Leben erreicht.
Und das war der Augenblick, als er nicht nur das Rauschen des Wassers im Brunnen, das Flüstern des Atems der Menschen, sondern auch die Laute der Vögel hörte.

Der Flug war zeitweise sehr turbulent gewesen, und er fand den Gedanken beunruhigend, in welcher Höhe und mit welcher Geschwindigkeit sich das Flugzeug bewegte. Jeder Transatlantikflug war ein unwägbares Abenteuer für ihn, und je länger er dauerte, umso mehr machte er sich Gedanken. Schließlich war er kein Vogel, und wenn er sich vorstellte, durch einen zu Glas gewordenen Boden des Flugzeugs in die Tiefe sehen zu können...

Die erste Aussichtsplattform befand sich auf einer Höhe von dreihundertzweiundvierzig Metern über Bodenniveau. Das Freiluft-Observationsdeck, das von einem engmaschigen metallenen Gitter vollständig bis hin zum betonierten Vordach begrenzt war, befand sich auf einer Höhe von dreihundertsechsundvierzig Metern. Hier fühlte sich der Wind anders an als in den Straßen Torontos: auf dieser Höhe war er schneidend kalt, beinahe feindlich.
Im Innern des Towers betrat er den Glasflur. Er tat es mit nur einem Bein, und bereits dieser optische Eindruck, mit einem Bein in der Luft zu stehen und mehr als dreihundert Meter über dem Erdboden das Gleichgewicht zu verlieren und in die gähnende Tiefe zu stürzen, reichte aus, sein Herz schneller schlagen zu lassen. Er fühlte das Ziehen in seinem Magen, richtete den Blick nach oben und betrat schnell sicheren Grund.
Den zweiten Aufzug zum Sky Pod zu nehmen war eine Sache der Überwindung, eine selbstauferlegte Mutprobe angesichts seiner Feigheit, den Glasflur entlangzugehen, mit beiden Beinen den sicheren Boden zu verlassen. Der Begleiter im vollständig geschlossenen und bewusst nicht mit einem Sichtfenster versehenen Lift war freundlich. Er schien seine Aufregung zu spüren, und alles, was er sagte, war darauf ausgerichtet, ihm das Gefühl absoluter Sicherheit zu vermitteln. Als der Schwarze lächelte und seine weißen Zähne blitzten, erinnerte er sich an den Traum.

Der Traum war zutiefst beunruhigend gewesen, denn die Intensität der Wahrnehmung grenzte an das Wachbewusstsein. Er hörte Menschen in Panik schreien, und Rauch drang durch die Ritzen der Fahrstuhltüren. Er schaute sich um und nahm jede Einzelheit seiner Umgebung wahr, während er ruhig atmete. Das Feuer in der Basis des Turms breitete sich sehr schnell aus, die Flammen schlugen in die Höhe, und er hatte den Eindruck, die tödliche Hitze unter seinen Fußsohlen zu spüren, als er im Bett seines Zimmers im Delta Chelsea die Augen öffnete. Das Nachbild des Gittermusters an der Decke blieb einen Augenblick bestehen, bevor es sich zur Seite neigte und verschwand.

Er brauchte nicht sehr lange, um sie zu finden. Er hatte den Südausgang des Eaton Centres an der Queens Street erreicht, nachdem er sich bei seinem Gang durch die Mall ausschließlich auf sein Gehör verlassen hatte. Die Laute waren sehr deutlich geworden, und als er sich nun auf der ersten Etage nach rechts wandte, sah er sie fliegen. Es waren gut zwei Dutzend Kanada-Gänse, die unter der Glaskuppel direkt auf ihn zuflogen und markerschütternde Schreie ausstießen. Der Stoß traf ihn unerwartet, und weil er dicht am Geländer stand, bekam er beinahe das Übergewicht. Instinktiv krallte er sich fest, und das Metall in seiner Handfläche fühlte sich kalt und heiß zugleich an. Ein Sturz aus acht Metern Höhe hätte ihm mit ziemlicher Sicherheit das Genick gebrochen.
Als er nach vorne schaute, hatten sich die Vögel nicht von der Stelle bewegt. Es waren Nachbildungen, und außer dem komplexen atmosphärischen Rauschen des Centres konnte er keine Laute hören.

Er konnte kaum atmen, und ihm war schlecht, als er in knapp vierhundertfünfzig Metern Höhe die winzige Kanzel der höchsten Aussichtsplattform der Welt betrat. Es war nicht so sehr die abgrundtiefe Höhe, die ihm zu schaffen machte; es war vielmehr die Wucht der Erinnerung an seinen Traum, die ihn nun aus dem Gleichgewicht brachte. Er hatte das Gitter des Freiluft-Observationsdecks gesehen, bevor er es gesehen hatte, und das Nachbild auf seiner Netzhaut hatte ihn in den Wachzustand verfolgt.
Tief, tief unter sich konnte er die endlose Weite des Lake Ontario sehen, und ohne weiter zu überlegen, hastete er zum Aufzug. Der Alarm setzte in der gleichen Sekunde ein.

Wenn er sich vollkommen entspannte, verlor er das Gefühl für sich selbst, und sein Blick nahm eine andere Qualität an. Es spielte keine Rolle, welche Bank er sich aussuchte. Er horchte auf das atmosphärische Rauschen im Eaton Centre, atmete langsam und tief ein und aus, und dann war es wie in einem riesigen Wespennest.
Es war ein wenig, wie unter Wasser zu sehen: die Sicht war nicht ganz klar, aber doch unendlich klarer, denn das Wasser stellte den Kontakt mit allem her. All die Bewegungen der Menschen wurden zu einer einzigen, umfassenden Bewegung, und da war nichts, das sich außerhalb des Ganzen bewegte. Löste er sich aus dieser Entspannung, um wieder zur Oberfläche zurückzukehren, gab es keine Erinnerung, nichts, das sich greifen und festhalten ließ. Aber er fühlte, und die Tiefe war unendlich.

Es war offensichtlich, dass etwas Entscheidendes schiefgelaufen war. Die Panik auf der ersten Aussichtsplattform war entsetzlich, und das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit war so überwältigend, dass seine Beine wie gelähmt waren. Er hatte das Gefühl, auf Stelzen zu gehen, und das Entsetzen in den Gesichtern der anderen Menschen war kaum auszuhalten.
Die Expresslifte waren blockiert, und Rauch drang durch die Ritzen der Türen in den geschlossenen Raum. Die Schreie der Frauen und Kinder übertönten nur unwesentlich die Rufe der Männer, die hilflos nach einem Ausweg suchten.
Ein Angestellter des Towers, der zur Ruhe mahnte, wurde von einem Fausthieb niedergestreckt, und die blutende Wunde in seinem Gesicht wurde von hysterischem Lachen begleitet. Durch den Glasflur konnte er ganz tief unten die pulsierenden Lichter der ersten Rettungsfahrzeuge sehen, die sich einer unlösbaren Aufgabe gegenübersahen.

Der Stoß traf ihn unerwartet, und er hatte das beängstigende Gefühl, auf der durchsichtigen Fläche des Glasflurs das Übergewicht zu bekommen. Sein Magen drehte sich, und die panischen Schreie der Menschen waren nun beinahe so laut wie die markerschütternden Schreie der Vögel, als der Rauch dichter und die ersten Flammen bei den Fahrstühlen sichtbar wurden. Wie war das möglich?
Wie war es so schnell möglich?
Instinktiv krallte er sich fest, und es wunderte ihn nicht, dass sich das Metall in seiner Handfläche kalt und heiß zugleich anfühlte. Als er nach vorne schaute, hatten sich die Vögel nicht von der Stelle bewegt. Seine Augen tränten durch den Rauch, und der Atem brannte in den Lungen, als er sich blitzartig der Situation im Eaton Centre bewusst wurde. Die Vögel waren Nachbildungen, und außer dem komplexen atmosphärischen Rauschen des Centres konnte er keine Laute hören. Aber hier im Turm waren sie lebendig, und ihre Schreie waren lauter als jemals zuvor. In diesem Augenblick erkannte er das Muster, und er setzte sich ohne nachzudenken in Bewegung. Die meisten Menschen hatten sich auf das Freiluft-Observationsdeck gerettet, und obwohl der Rauch inzwischen stellenweise dichter war und das Atmen unmöglich machte, gelang es ihm, den Ausgang zu finden.
Der Wind erschien ihm noch kälter als zuvor, und es erfüllte ihn mit Angst und Mitleid, einige der verzweifelten Menschen hilflos an dem engmaschigen Metallgitter rütteln zu sehen. Wollten sie tatsächlich springen, um nicht bei lebendigem Leib zu verbrennen?
Er sog die Luft tief in seine Lungen, und er zwang sich, ruhig zu atmen.
Ob es noch andere gab, die sie hörten? Ob vielleicht ein einziger Mensch außer ihm fühlen konnte, was hier wirklich geschah? Sie würden sterben, wenn sie sich weigern, wenn sie sich unfähig erweisen würden, das Nest zu verlassen. Ihre Schreie wurden zu einer Melodie, und diese Melodie ließ seinen ganzen Körper vibrieren. Es dauerte an, es hörte nicht auf, und er fühlte sich euphorisch. Beinahe wäre er über sie gefallen, weil er nur noch Augen für das Gitter hatte.
Das kleine Mädchen war vollkommen ruhig, und sie schien keine Angst zu haben. Ihr langes Haar bewegte sich im Wind; es schien mit dem Wind zu spielen. Er hatte keine Erinnerung an sie, weder in der Wirklichkeit noch im Traum. Sie nahm seine Hand, und alles in ihm wehrte sich, weigerte sich, wollte nicht anerkennen – aber er fühlte, als er in ihre Augen sah, und die Tiefe war unendlich.
„Lass uns fliegen, Mister!“
Ihr Körper vibrierte mit der gleichen Intensität wie sein eigener, und als er für einen Moment die Augen schloss, empfand er diese unglaubliche Dringlichkeit angesichts der Reduzierung aller Möglichkeiten auf diesen einzigen Ausweg. Ihre Stimme war vollkommen eins mit der Melodie in seiner Blutbahn, und Hand in Hand näherten sie sich dem Gitter.
Die Maschen waren eng, und das Metall war zwei Zentimeter dick.
Aber es gab keinen Zweifel, denn es war der nächste Schritt, den sie gehen mussten. Das Metall fühlte sich heiß an, als er es mit der Handfläche berührte. Er holte weit aus, und dann schlug er mit aller Kraft wieder und wieder zu.
3.6.07 20:13
 

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