Das Buch der Träume
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Der erste Sohn Agnis

* Eine Geschichte von BeautifulExperience *


Der erste Sohn Agnis enthält ein Sample aus den Veden, den Schriften Sri Aurobindos und Mutters Agenda


Für Jadzia
Für Tine
Danke für die Inspiration!



„Agni ist in Erde und Himmel eingedrungen, als wären sie eins.“

„Allmächtige Gewalten liegen verschlossen in den Zellen der Natur.“

Sri Aurobindo



„Solange es den Tod gibt, enden die Dinge immer schlecht.
Nur der Sieg über den Tod wird erreichen, dass die Dinge nicht schlecht enden.“

„Das Spiel nicht aufgeben: es ist ein großes Spiel.“

Mirra Alfassa



***



„Suchen sie was?“
Henry blickte auf, sah der jungen Frau gegenüber direkt in die Augen - graugrüne Augen, die ihn feindselig, ja verächtlich musterten.
„Suchen sie etwas zwischen meinen Beinen?“
Ihre Worte zerschnitten die nun eingetretene Stille wie Peitschenschläge. Er wusste, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, alle Gespräche waren wegen ihm verstummt, er war zum alleinigen Gegenstand des allgemeinen Interesses geworden.
Erneut setzte sich die U-Bahn ruckelnd in Bewegung.
Er zuckte hilflos mit den Schultern, bemühte sich um ein entschuldigendes Lächeln, das ihm nicht glücken wollte: es fror auf seinem Gesicht ein, als habe seine Körpertemperatur den absoluten Nullpunkt erreicht.
„Na, was ist, Alter? Willst du der Lady nicht antworten?“
Die Stimme zischte hinter seinem Rücken, genau hinter ihm. Jung, aggressiv und noch voller Kraft – er konnte den hasserfüllten, heißen Atem in seinem Nacken spüren.
„Geile alte Sau!“
Henry konnte und wollte nicht reagieren. Es hätte keinen Sinn gemacht, Feuer an die schon brennende Lunte zu legen. Er bemühte sich, seinen Blick auf ihre Augen gerichtet zu halten, ihn nicht abirren zu lassen in ihren Schoß, und den jungen Hitzkopf in seinem Rücken so gut es ging zu ignorieren.
Hände packten ihn grob an den Schultern, schüttelten ihn.
„Verpiss dich, Alter! Hast heute genug gesehen!“
Sie schaute ihn einfach nur an, wartete, beherrschte sich mühsam, um sich nicht von dem Hass, der dem alten Mann von allen Seiten entgegenschlug, und der Macht, die sie dadurch gewann, mitreißen zu lassen.
„Ich will, dass sie mir antworten. Warum starren sie mir die ganze Zeit zwischen die Beine?“
Sie sprach ruhig und überlegt, aber etwas in ihrer Stimme verriet ihm, dass sie die Situation und die Macht, die ihr die Situation verlieh, nun zu genießen begann. Ein geschickt gewähltes Wort von ihr, und sie alle würden befriedigt zusehen, wie ihn der junge Mann in seinem Rücken (der die Hände immer noch auf seinen Schultern hatte) krankenhausreif prügelte.
„Spuck es schon aus, du Sau!“
Der schmerzhafte Stoß in die Nierengegend traf ihn unerwartet und trieb ihm die Luft aus den Lungen. Henry konnte nicht verhindern, dass ihm aus Schmerz die Tränen in die Augen schossen, aber er würde nicht weinen, er würde auf keinen Fall weinen!
Er hustete, fing sich wieder und stellte Blickkontakt her.
Dann bemühte er sich:
„Was soll ich ihnen sagen...“
Wie konnte er ihr erklären, was er jetzt zwischen ihren Beinen gesehen hatte? Wie konnte er ihr dieses Ding erklären, das ihm unglaubliche Angst einjagte und das er zum erstenmal vor ein paar Wochen gesehen hatte? Es begann vor drei Wochen, drei langen, unendlichen Wochen, damals, da war es viel größer, es war...

...es war genau im Zentrum einer dieser Werbeflächen, dieser Plakatwände, die meist Zigaretten und manchmal auch Waschpulver oder Getränke anpriesen, es war wie ein Loch in der Wirklichkeit, schwebte dort wie ein riesiges Hologramm und nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Er war abrupt stehen geblieben, nachdem er aus dem Augenwinkel heraus dieses seltsame Hitzeflimmern bemerkte, und hatte sich dem sonderbaren Ding ganz zugewandt, das er nun ungläubig betrachtete.
Es hatte sich die Vertikale der Plakatwand zunutze gemacht, um sein ureigenes, skurriles Ding durchzuziehen. Es war wie ein riesenhafter Fernsehschirm, den man auf die Reklamefläche geschweißt hatte, ein Fernsehschirm, dessen Bild man nicht eingestellt hatte und der nun nicht flimmerte, sondern in violetten Wellen waberte in seinem goldenen Gehäuse, ein Fernsehgehäuse aus massivem Gold mit einem Atomreaktor anstelle einer herkömmlichen Bildröhre und Engeln und Teufeln im Zauberkasten.
Henry ertappte sich nicht dabei, wie er hysterisch kicherte. Er bemerkte auch nicht die Leute, die sich nach ihm umdrehten, weil er seit mehr als zwanzig Minuten auf die leere Reklamefläche starrte und dabei ununterbrochen vor sich hin murmelte.
Es entging ihm, dass die Leute kopfschüttelnd zu ihm herübersahen und dann, unangenehm berührt, schnell weitergingen, so als wollten sie den Eindruck, den er in ihren Köpfen hinterließ, irgendwie von sich abschütteln, indem sie ihren Gang beschleunigten.
Henry war vollkommen allein in seiner Welt, und er war völlig fasziniert von dem, was er im wabernden Lila zu sehen glaubte. Er spürte, dass es ihn unwiderstehlich anzog, dass er noch näher darauf zugehen musste, wenn er deutlicher sehen wollte, was er da zu sehen glaubte...
„Alles in Ordnung mit Ihnen, Sir?“
Die Hand auf seiner rechten Schulter, der unerwartete Klang einer fremden Stimme ließen ihn zusammenfahren, seinen Kopf erschreckt wenden und aufsehen in ein offenes, freundliches Gesicht, das ihm kein Leid zufügen würde.
„Ich dachte, sie hätten vielleicht..“
Er wandte den Blick ab von dem Mann in der Uniform und starrte verständnislos auf die ungenutzte Reklamefläche - leerer, kahler, rissiger Beton.
„Ist schon wahr, man kann in allem etwas entdecken, wenn man die nötige Phantasie hat. Sogar in so einem brüchigen Mauerwerk. Bizarre Formen manchmal!“
Eine Ameise krabbelte aus einem der Risse, hielt still und tastete mit ihren Fühlern. Henry erzitterte am ganzen Körper.
„Sicher, dass alles okay ist bei ihnen, Sir? Ich kann ihnen ein Taxi rufen, wenn sie wollen?“
Man konnte in allem etwas entdecken, wenn man die nötige Phantasie hatte. Erdbeeren im Schimmer von Straßenlaternen, Gesichter in den Wasserwirbeln eines Flusses, Gebirge in Hundehaufen...

O ja, es war wirklich so, dass er langsam alt wurde, sich in Tagträumereien und Phantastereien verlor, sich Dinge zurechtspann, die ihm die Tage erträglicher machten. Er beobachtete Menschen und stellte verblüffende Ähnlichkeiten mit Freunden fest, die längst gestorben waren; er beobachtete dahinziehende Wolkenformationen und errichtete sich prächtige Paläste in ihrem Innern.
Er sah junge Leute und stellte sich vor, wie es wäre, wenn er einen ihrer jungen Körper hätte, wie er spüren könnte, was er so schnell verloren hatte: die Kraft, die ihm in seiner Jugend doch ewig zu gehören schien. Henry träumte sich in ihre Körper, in ihre jungen Leben, um seinem alten Leben zu entfliehen – aber er wusste, dass er hineinträumte, hineinphantasierte, und er konnte die schmerzliche Wirklichkeit seines zerfallenden Lebens unterscheiden.
Doch das hier war anders gewesen: er hatte es für real gehalten, und das war wirklich ein schlechtes Zeichen, alter Freund!
„Vielen Dank, ist wirklich nicht nötig. Mir setzt wohl die Hitze etwas zu, aber es geht schon wieder..“
Es geht schon weiter. Es geht immer weiter.
Wann hatte es schließlich wirklich angefangen? Wann war es ihm bewusst geworden, wann konnte er sich nichts mehr vormachen diesbezüglich?
Henry überlegte angestrengt, doch er entlarvte selbst dieses scheinbar angestrengte Nachdenken lediglich als einen weiteren kleinen Selbstbetrug.
Denn Henry wurde nicht alt, er war alt, und niemand wusste das besser als Henry selbst, nicht wahr? Nicht wahr, alter heuchlerischer Freund?
Henry lächelte, die Augen nach innen gekehrt.
Wann hatte es angefangen, dass er sich dessen bewusst, existentiell bewusst wurde?
Ja, es war, als sie wie die Ratten das sinkende Schiff verließen, alle, einer nach dem anderen.
Nein, sie kannten überhaupt keine Skrupel. Sie hatten ganz andere Sorgen: sie mussten sich fragen, ob sie fähig waren, in diesem großen, weiten dunklen Ozean da draußen schwimmen, lange genug schwimmen zu können, um irgendein entferntes Eiland zu erreichen, wo sie wieder leben, leben und sich vermehren, leben und glücklich sein konnten, nachdem sie alles verloren hatten.
Sie konnten sich nicht beschäftigen mit seinen kleinen Sorgen: mit wem sich der Kapitän unterhalten sollte, wenn sie alle gegangen waren, mit wem er seine Tage und Nächte verbringen sollte auf diesem elenden kosmischen Treibgut; an wen er sich wenden konnte in seiner Angst, nun vollends allein zu sein in einer Welt, die sich immer schneller und schneller drehte.
Henrys Probleme waren nicht ihre. Sie hatten ihn hier allein zurückgelassen im sicheren Wissen, dass er ihnen irgendwann doch noch folgen würde auf ihrem langen Weg zu anderen, unbekannten Ufern.

Er spürte heiße salzige Tränen in den Mundwinkeln, Tränen, die er früher schon geschmeckt hatte, als ihm schockartig klar wurde, dass es nicht immer so sein konnte, wie es damals war. Damals, als sie an diesem sonnigen, warmen Sommertag (es war nicht nur warm, es war richtig heiß gewesen!) durch den Wald zur Burg wanderten, und auf dem Weg zurück in die Stadt Tom (es war Tom gewesen, der ihn damals begleitete – Tom, der schon damals älter aussah, als er an Lebensjahren war) ihn aufmerksam machte auf das kleine Wesen am Boden, die Blindschleiche, die sich aus dem Laub heraus auf den Weg schlängelte („..eine Blindschleiche! Eine Blindschleiche!“ Sie waren bezaubert gewesen wie Kinder, obwohl sie beide bereits Mitte Zwanzig waren – du betrügst dich schon wieder, Freund Henry, du warst beinahe dreißig Jahre alt!), sich auf dem Weg wand, sich auf dem Weg vor ihren Füßen in Qualen wand. Sie war nicht allein gekommen, ihre kleine Blindschleiche, und sie bot nun auf den zweiten Blick einen grauenerregenden Anblick mit den zwei Dutzend großen Waldameisen, die sich auf der ganzen Länge ihres Körpers festgebissen hatten, sich nicht abschütteln ließen, während immer neue hinzukamen, um an ihrem Todeskampf teilzuhaben, sie mit ihren Zangen und Kiefern bei lebendigem Leib zu zerteilen.
Er spürte die Tränen in sich aufsteigen, und damals hätte er schwören können, dass es Tom ebenso ging, wie sie dabeistanden und zusehen mussten, nichts tun konnten, um die Blindschleiche von der Vielzahl ihrer Peiniger, ihrer Henker zu befreien, ohne auch sie zu töten, zu zertreten unter einem zermalmenden Fuß.
Die Wahl war in jedem Fall Tod. Tod für ein altes, krankes oder schwaches Wesen, dessen Schwäche erkannt und unbarmherzig ausgenutzt worden war von seinen bestialischen Räubern nach dem Willen der lebendigen Natur.
So gingen sie zutiefst angeekelt und zugleich auf grausige Weise fasziniert weiter, die Schleiche ihrem schrecklichen letzten Kampf auf dem Waldboden überlassend, hoffend auf ein Wunder, das niemals kommen würde, um so die Illusion wach zu halten, dass sie vielleicht doch entkommen sein könnte, sich vielleicht mit einer letzten Anstrengung befreit haben könnte aus dem Zugriff ihres persönlichen Todes.

Zu Beginn hatte er schreckliche Angst, als er das Tor immer wieder sah: in der Spiegelung einer Windschutzscheibe, am Ende einer Rolltreppe (die er von da an vermied), im Gesicht eines vorbeilaufenden Kindes.
Er spürte mit seinem Körper, was es bedeutete, und es war lähmend, mit niemandem darüber sprechen zu können: dass der Tod nicht die Gestalt eines Sensenmannes hatte, sondern eine Tür war, ein Tor, das überall auftauchen konnte.

Da wurde ihm klar, dass angesichts dessen im Grunde jeder völlig allein auf der Welt war.

In dieser Nacht konnte Henry nicht schlafen.
Wie lange er die Decke angestarrt und einfach gar nichts gedacht hatte, wusste er nicht – doch dann begannen die Veränderungen, und diesmal war er bereit dazu.
Die Farben konnten ihn nicht erschrecken, und er atmete tief ein und aus, während er sie betrachtete.
Wie konnte die Atmung einen solchen Einfluss auf das Phänomen nehmen?
Dieser Gedanke kam und ging, wie eine Welle nach der anderen, und während die Farben an Intensität gewannen, begann das Flüstern. Es war ein unwiderstehliches Flüstern, das ihn völlig vergessen ließ, dass er nun sterben würde, und obwohl er die Worte zunächst nicht verstehen konnte, begann Henry zu lächeln. Es gab keinen Ort, wohin er hätte fliehen können, denn diese wirbelnden Farben würden ihn überall finden. Er selbst war es, der durch seine bloße Existenz den Zugang öffnete. Er war es, der ihn in seiner Seele mit sich herumtrug wie einen missgebildeten siamesischen Zwilling, den er erst beim Blick in den Spiegel bemerkte. Henry atmete tief ein und aus, und er weinte, als das Mitleid mit seinem Zwilling zum alles beherrschenden Gefühl wurde.
Die Gedanken hatten nun die Frequenz eines Stroboskops, prasselten wie elektrische Schläge auf ihn ein, und sein Körper begann zu zittern, als Henry diese leisen, flüsternden Stimmen zu verstehen begann:


„Er ist anwesend inmitten seines Hauses.“

„Die Vorväter, die die göttliche Schau besaßen, platzierten ihn im Inneren als das Kind, das geboren werden soll.“

„Er ist wie der Lebensodem unseres Daseins, wie unser ewiges Kind.“



Die Farben wirbelten und explodierten an der Decke, und die Stimmen wurden immer drängender. Es war, als würde ihn etwas mitten entzwei reißen wollen: unfähig, seine Augen von dem Spiel der Farben abzuwenden, war es ihm auch nicht möglich, sich den Stimmen zu verschließen:


„Unsterblicher in Sterblichen, alt und verlebt, wird er immer wieder jung.“

„Wenn er geboren wird, so wird er zur Stimme der Gottheit: Wenn er wie das Leben, das in der Mutter heranwächst, in der Mutter herangebildet worden ist, wird er in seiner Bewegung zum brausenden Wind.“

„Er ist das Kind der Wasser, das Kind der Wälder, das Kind der unbeweglichen und beweglichen Dinge. Selbst im Stein ist er gegenwärtig.“

„..die Sonne, die in der Dunkelheit wohnt..“



Und als die Stimmen überhand nahmen in seinem Bewusstsein, wichen die Farben zurück, und das Tor verschloss sich vor seinen Augen. Henry fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst am Mittag des nächsten Tages erwachte.


Als er die Augen öffnete, war es für einen Moment wie unter Wasser. Er fühlte den kühlen Druck auf seinen Augen, und sein Körper fühlte sich seltsam leicht an.
Würde er atmen können?
Das Wasser strömte wie flüssiger Sauerstoff in seine Lungen, und er glitt wie ein Mantarochen mit ausgebreiteten Armen dicht unter der Oberfläche dahin. Das Spiel der Wellen verwandelte die Sonnenstrahlen in lebendige Wesen, die die Dunkelheit der Tiefe verspotteten, und als Henry vollends zu sich kam, behielt sein Körper die Leichtigkeit dieses Halbschlafes bei.
Es war ein ungewohntes, ein beinahe nicht mehr bekanntes Gefühl, den eigenen Körper nicht als schwere Last zu empfinden.
Der Ausdruck seiner Augen im Spiegel war klar, hatte nicht den so vertrauten Zug von Traurigkeit und Resignation, den er sonst darin erblickte.

Als er die große Freitreppe der Bücherei hochging, hielt er inne, als sich der Marmor zu verändern begann. Beinahe zeitgleich hörte er das Flüstern, und die wirbelnden Farben wichen zurück, das Tor wurde kleiner und schloss sich. Das Flüstern klang nach, und es fühlte sich an wie ein kleiner Wasserfall, der sich von seinem Nacken aus kühlend über seine Schultern und den Rücken ergoss:

„Verankere in dir einen Willen, der alle Geburten kennt, den göttlichen Opferer in den Jahreszeiten. Heute lass dein Opfer unaufhörlich vorangehen. Dein Opfer soll dir die ganze Epiphanie der Gottheiten öffnen.“


In den nächsten Tagen machte sich Henry auf die Suche, notierte alles, an das er sich erinnern konnte und vervollständigte nach und nach die Worte, die ihm durch die Stimmen offenbart wurden. Er hatte keinen Hunger, und er stillte seinen Durst zunehmend in den riesigen Hallen der Bücherei. Er liebte die Kühle der weiten Hallen und die Stille mitten im Zentrum der Stadt, und am sechsten Tag nach dieser unvergesslichen Nacht erhielt er die entscheidende Auskunft:

“Die ursprünglich als dunkel und barbarisch empfundenen Texte hatten das beste Schicksal in der gesamten Literaturgeschichte. Sie waren anerkanntermaßen die Quelle nicht nur von einigen der reichsten und tiefsten Religionen der Welt, sondern auch von einigen der subtilsten metaphysischen Weisheitslehren. In der festen Tradition von Jahren wurden sie geachtet und verehrt als der Ursprung und Standard von allem, was in Brahmana und Upanishad, in Tantra und Purana, in den Doktrinen großer philosophischer Schulen und in den Lehren berühmter Heiliger und Weiser als autoritativ und wahr angesehen wurde. Der Name, den sie trugen, lautete Veda, das Wissen.“

Er hing an den Lippen des Bibliothekars und saugte jede Einzelheit in sich auf, und als er später die Stufen der Außentreppe hinunterging und sich im Park in den Schatten der Bäume niederließ, um in Ruhe zu lesen, bemerkte er nicht, wie die Zeit verstrich, und er ging erst nach Hause, als es beinahe finster war. Dass er ohne seine Brille gelesen hatte, fiel ihm erst auf, als er sie neben dem Fernseher liegen sah.


„Du sollst vor ihr auf die Knie gehen und dich entschuldigen, du Arschloch!“
Der Junge hinter ihm verlor die Kontrolle, seine Stimme überschlug sich fast vor Aggression. Der zweite Stoß war zwar vorhersehbar, doch er traf ihn so heftig zwischen den Schulterblättern, dass Henry vom Sitz rutschte und auf die Knie schlug.
„Komm schon, Mike, lass ihn in Ruhe. Siehst du denn nicht..“
„Halt’s Maul, Idiot! Hast du etwa Mitleid mit der alten Schwuchtel? Schau doch mal, wie er sich die Haare gefärbt hat. Schön pechschwarz für seinen Liebsten! Der Schwanzlutscher hat sicher noch einen knallroten Lippenstift bei sich.“
Wieder die ruhigere, etwas ängstliche Stimme:
„Mann, mit dem Typen stimmt was nicht! Hör einfach auf und lass uns abhauen..“
Henry fiel auf, dass der Schmerz in seiner Nierengegend bereits wieder nachließ, aber das wunderte ihn nicht mehr. Es würde weder eine Prellung noch ein Bluterguss zurückbleiben, und die blutende Schnittwunde an seinem rechten Daumen, die er sich eben beim Sturz an einem Glassplitter zugezogen hatte, würde in einer Stunde spurlos verheilt sein.
Nun wurde ihm klar, dass es nichts, rein gar nichts gab, vor dem er noch Angst haben musste. Er war der Erste, und er war der Letzte, und mit einem Mal erinnerte er sich an alles:

„Ein gewöhnliches Gesetz bedeutet nichts weiter als ein von der Natur hergestelltes Gleichgewicht, eine Stabilisierung der Kräfte. Es ist nur eine Spur, in der die Natur zu arbeiten gewohnt ist, um bestimmte Ergebnisse zu bewirken.
Verändert man das Bewusstsein, so ändert sich notwendigerweise auch die Spur.“

Die Worte klangen sachlich-nüchtern, als er sie das erstemal gehört hatte. Jetzt waren sie wie eine Melodie, wie das streichelnde Geräusch des Windes in den Zweigen und Blättern der sommerlichen Birken.
Die Vision kündigte sich nicht an, sie war mit einem Schlag da. Das Tor zwischen ihren Beinen veränderte die Farben, und was er sah und zu begreifen versuchte, begann zu pulsieren. Henry streckte die Hand nach der Frau aus, doch als er ihr in die Augen schaute, sah er nur blankes Entsetzen. Sie begann es zu spüren, und er fühlte die Hitze wie eine Schlange in seiner Wirbelsäule aufsteigen.

„Du kranke Sau! Mach endlich dein Maul auf, sonst bring ich dich um, ich schwör es dir!“
Henry hörte die Stimme wie aus weiter Ferne, und obwohl Mike schrie, gab es keinen Grund zur Eile. Er konnte die aufsteigende Panik im ganzen Zug spüren, und bevor es zuende war, würde sie über alles hinwegbranden wie entfesselte Wellen. Er drehte sich langsam um, und während er in das wutverzerrte, doch zunehmend von einer unbestimmten Angst erfüllte Gesicht Mikes schaute, füllten sich seine Augen mit Tränen. Er konnte nicht schlucken, denn es tat so weh.

Und als er sprach, sah er die Flammen.
13.1.07 17:01
 

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