Das Buch der Träume
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Das Ende der Wirklichkeit

Teil 9


* Ein Essay von BeautifulExperience *


4.3.3 Auswirkungen auf Meyrinks Pers?nlichkeit und sein Leben

Gustav Meyrinks Drogenexperiment blieb eine einmalige Sache. Gewann die Drogenerfahrung f?r Aldous Huxleys und wahrscheinlich auch Henri Michaux? weiteren Lebensweg gro?e Bedeutung, so blieb sie in Meyrinks Leben lediglich eine winzige Episode.
Meyrink war zeit seines Lebens ein ?Suchender?; er bewegte sich in Grenzbereichen, die den meisten Menschen allzu fremd sind, so fremd, dass sie sie vielleicht gar nicht erst erfahren wollen, und manchmal sogar ?ber diese Grenzbereiche hinaus. Meyrink besch?ftigte sich eingehend mit paranormalen, spiritistischen, grenzwissenschaftlichen Ph?nomenen, nicht nur theoretisch, sondern in erster Linie praktisch.
Aus seinen Erfahrungen resultierten seine B?cher, seine gro?en Romane wie ?Der Golem?, ?Das gr?ne Gesicht?, ?Der wei?e Dominikaner? und ?Der Engel vom westlichen Fenster?.
Meyrink selbst ?u?erte gegen?ber Karl Marilaun Francis, dass er niemals danach gestrebt habe, sich einen Namen als Literat zu machen und dass der Gro?teil seiner Werke keine Komposition nach literarischen Gesichtspunkten aufweise.
Was ihn vor allem interessierte, war, Leser zu finden, die f?r das Vision?re in seinen Erz?hlungen und Romanen offenstanden (Smit 1990, 205).
Das gelte nicht, so f?gte Meyrink hinzu, f?r seine kurzen Satiren. Diese waren inspiriert durch seine energische Abkehr vom Militarismus, von der ?Wichtigtuerei ohne Herz? (Smit 1990, ebenda) und der sklavischen Unterwerfung unter b?rgerliche Gewohnheiten.
Meyrinks Werk ?schlug um?: aus dem bissigen Satiriker wurde der Metaphysiker aus Leidenschaft.
Anne Richter sagt dazu: ?Als in einem bestimmten Augenblick das ?sthetische mit dem Metaphysischen zusammenfiel, lie? er die Literatur hinter sich, um eine innere Welt zu betreten, erreichbar nur f?r denjenigen, der der Materie entsteigt, eine Welt, die letzten Endes nicht mit Worten zu beschreiben ist (...).
Ein einziger Roman Meyrinks enth?lt Themen f?r zwanzig B?cher. Doch trotz dieser inhaltlichen F?lle, trotz des Umfangs seiner B?cher, trotz ihrer Hermetik zeugen seine Texte von einer eindrucksvollen dramatischen Kraft. Der magisch-d?stere, ja messianische Charakter der B?cher Meyrinks ist eindrucksvoll, sein Stil zieht unwiderstehlich in seinen Bann. Und w?hrend Meyrink die h?chsten H?hen der Mystik erklomm, verlor er doch niemals den Sinn f?r Humor.? (Smit 1990, 203/204).

Im Interview mit Francis gibt Meyrink zu, nur noch sehr wenig von der Literatur zu erwarten:
?In literarischer Hinsicht habe ich die letzte Zeit beinahe nichts gearbeitet, weil es keine Menschen gibt, die lesen. Der echte Leser ist eine seltene Erscheinung geworden, ein Wunder. Heutzutage ein Buch erscheinen zu lassen, l??t mich an den Mann denken, der auf einem sinkenden Schiff eine Laterne anz?ndet, um in dem Chaos noch etwas Wertvolles zu finden.? (Smit 1990, 205).
Im Hinblick auf esoterische Themen, f?r die er Interesse wecken will, meint er:
?Das kann ? im Anfang ? leider nur auf dem Umweg geschehen ?ber spannende Romane. (...)
Ich sage: ?leider?, denn besser w?r?s freilich, man k?nnte gleich mit dem ?Faust? beginnen; aber das ist, wie ich bereits ausgef?hrt habe, unm?glich; die Phantasie allzu vieler ist noch tot f?r dergleichen, oder sie ist auf Abwege geraten.? (Smit 1990, 206).
Aus diesen Worten spricht gro?e Resignation, nicht zum wenigsten im Hinblick auf sein eigenes Werk. Francis, der das Interview mit Meyrink f?r das ?Neue Wiener Journal? 1932, in Meyrinks Todesjahr, in Starnberg f?hrte, merkt an, dass Meyrink stets mit einem L?cheln um die Mundwinkel sprach, das aber niemals bitter oder mi?billigend war:
?Dieser einsame Mann, ber?hmt und von der Welt zur?ckgezogen, ein Mann, dessen Lebensabend schon angebrochen war, war ein Mann, erf?llt von Freude.? (Smit 1990, 263).

?u?erlich glich Meyrink mehr einem Weltmann als einem Dichter, geschweige denn einem Mystiker, wie Frans Smit in seiner Biographie erw?hnt. Was auf Besucher am meisten Eindruck machte, war die durch Erfahrung gereifte ?berzeugung. Adema van Scheltema, der sich fragte, worauf der starke Eindruck Meyrinks beruhte, dr?ckte es folgenderma?en aus:
?Es sind nicht in erster Linie die von ihm ausgesprochenen Ideen oder die h?chst eigenartigen Erfahrungen, mit denen er seine Ideen belegt. Was die letzteren betrifft, so kann doch nur die eigene Erfahrung die n?tigen Beweise geben, und eine vage Ahnung sagt mir, dass zwischen unserem westlichen Denken und Meyrinks Theorien ein fundamentaler Gegensatz besteht, der vielleicht einst noch zu einem heftigen Streit Anla? geben wird (..).
Was von Meyrink so stark nachwirkt, sind nicht so sehr seine fremdartigen Gedanken (..) als vielmehr die unersch?tterliche ?berzeugung und die Ruhe, mit der dieser Mann sie vor einem entwickelt (...). Und von diesem Seher, der mit feinster Intuition und unvergleichlicher Bildekraft bestimmte Grenzzust?nde unseres Seelenlebens geschildert hat, kann man nicht anders als annehmen, dass er aus tiefster pers?nlicher ?berzeugung und Erfahrung spricht.? (Smit 1990, 265/266).

Rudolf Steiner sagte in einem seiner Vortr?ge 1916 in Berlin bereits folgendes ?ber Meyrink (und das, obwohl er in einer satirischen Erz?hlung Meyrinks ? ?Meine Qualen und Wonnen im Jenseits? ? auf das heftigste angegriffen und verspottet wurde!):
?Da haben sie heute einen Schriftsteller, der in weiten Kreisen wirken kann (...) weil er wirklich den Leuten interessant sein kann, weil sich ihm bis zu ganz au?erordentlichen Weiten gewisse Zug?nge zur geistigen Welt ?ffnen..? (Smit 1990, 167).

Bezeichnend f?r Meyrinks au?ergew?hnliche, fast schon an sich ?psychedelisch? zu nennende Lebenshaltung ist sein Sterben. Im Winter 1932 erlitt sein Sohn Harro einen ernsten Skiunfall, bei dem sein R?ckgrat verletzt wurde. Harro wurde ungef?hr ein halbes Jahr lang in M?nchen behandelt und ertrug monatelang ohne Klage die schlimmsten Schmerzen. Obwohl leichte Besserung eintrat und die Schmerzen etwas nachlie?en, war doch offensichtlich, dass er niemals mehr gesund werden w?rde. Aus dem Krankenhaus entlassen und st?ndig auf Kr?cken angewiesen, wollte er seiner Umgebung nicht l?nger zur Last fallen. So ging er ohne ein andeutendes Wort nach Mitternacht aus dem Haus, lief an St?cken eine Wegstrecke bis tief in den Wald ?..und barg sich so gut, dass eine Woche verging, ehe man ihn weitab dem Umraum geliebter Menschen fand: mit dem friedlichen L?cheln auf dem Gesicht, mit dem er gestorben war, da ihm gelingen durfte, durch seinen Tod und die Art seines Todes niemanden, die N?chsten nicht und nicht die Freunde, bel?stigt zu haben.? (Smit 1990, 275).

Nach Frans Smit mu? das Schockierendste f?r Meyrink gewesen sein, dass bestimmte Ereignisse, die er aus seiner Phantasie als Fiktion niedergeschrieben hatte, nun geschehen waren und ihn selbst in der Wirklichkeit trafen..
?Ein entsetzliches Ungl?ck ist ?ber meine Familie und mich gekommen, und ich bin mehr tot als lebendig?, schrieb er an van Eyck im Juli 1932 (Smit 1990, 276 u. 314).
Meyrink ?berwindet den Schmerz um den Verlust seines Sohnes auf schier unglaubliche, ja sogar unheimliche Weise, die ganz zu schildern hier der Platz fehlt. Nur soviel: Meyrink erwachte mitten in der Nacht und ihm war, als m?sse er ein Glas Wasser trinken. Er mu?te sich zwingen, zu trinken, denn es schmeckte ihm nicht. Auf irgendeine Art wurde ihm klar, dass es sich bei dem ?Wassertrinken? um so etwas wie ein Ritual handelte, das es ihm erm?glichte, Verbindung mit seinem toten Sohn aufzunehmen. Ihm wurde pl?tzlich bewu?t: sein Sohn hatte Durst und er trank f?r ihn!
?Und dabei wurde mir pl?tzlich klar, die Verbindung mit ihm wird dadurch eingeleitet, nichts weiter! Die Elementale, die sich von seinem Leichnam ausl?sen und die mit ihm als irdische Bestandteile im Leben verschwunden waren, haben Durst und nicht er hat Durst!
(...) Sogleich erfuhr ich den wichtigsten Schl?ssel, den man braucht, um mit den Toten in wahre Verbindung zu kommen: Das Motiv mu? das richtige sein! (...) Und dieses Motiv mu? also sein: ich mu? dem Toten helfen. Nicht er soll mir helfen, nein, ich will und mu? ihm helfen.? (Smit 1990, 277-280).
Meyrink flehte dann die ?gyptische G?ttermutter, die Allmutter ISIS, von der es hei?t, sie achtet weder irdische noch himmlische Gesetze, um ein Wunder an:
?Und das Wunder hat auch bald eingesetzt, es ist noch lange nicht zu Ende, es geht immer weiter. Eine solche Flut von ungeheurem Wissen und von Erkenntnis ist mit einemmal ?ber mich hereingebrochen, dass ich mich selbst gegen gestern nicht wiedererkenne. Es ist, als sei mein gestriger Mensch gestorben und ein neuer Mensch auferstanden. Die Trauer um meinen Sohn ist spurlos fort. Wenn ich mit einer Handbewegung alles ungeschehen machen k?nnte, den Sturz beim Skilaufen und alles, ich t?te es nicht, eher w?rde ich meine Hand im Feuer verbrennen. (...)
Seltsam ist auch: in der Nacht vom 12. Juli, in der Nacht, als mein Sohn sich t?tete, verlie?en mich mit einemmal die gr??lichen Schmerzen zwischen den Schultern, die mich bis dahin l?nger als einen Monat fast ununterbrochen gefoltert hatten, und ich war am Morgen erwacht als fast gesunder Mensch! Als mein Sohn noch in der Klinik lag, litt er schrecklich an den gleichen Schmerzen an derselben Stelle. Damals fa?te ich ihn an der Hand und konzentrierte mich, sie ihm wegzunehmen. Gleich darauf war er frei von den Schmerzen und ich hatte sie statt dessen. Sp?ter, als er tot war, und ich die Verbindung mit ihm suchte, wurde mir die Erkenntnis: dieses Einswerden mit ihm ist ein ?hnlicher Proze? wie bei einem sogenannten Transfigurationsmedium, nur viel besser. So wie sich das Transfigurationsmedium sogar vor?bergehend k?rperlich in den Toten verwandelt, ohne sich dessen aber selbst bewu?t zu sein und dabei in Trance liegt, so verwandelte ich mich innerlich und wach und bewu?t in meinen Sohn und wenn es wieder geschieht, so wird es immer vollkommener werden...? (Smit 1990, 277-280).

Diese absolut fremdartige Erfahrung Meyrinks gipfelt letztendlich in seinem faszinierenden Tod, der fast schon die Quintessenz seines Lebens darzustellen scheint und dem er wachen Auges gegen?bertritt..

Albert Talhoff:
?Es ist Meyrinks letzte Nacht. Er hat solche Schmerzen, dass der Arzt Frau Meyrink r?t, ein von ihm mitgebrachtes narkotisches Mittel in den Tee zu tun, den Meyrink als einzige Labung noch zu sich nahm. Meyrink f?hlte diese Absicht sofort und sagte: ?Ich habe nur noch eine Bitte an euch, mich in meinem Sterben nicht zu st?ren. Gebt mir keine Narkotika.?
Er wollte den Tod ?erleben?, ihn n?chtern bis zum letzten Atemzug erfahren.? (Smit 1990, 283).

Schmid-Noerr:
?Dann sagte Meyrink: ?Geh? nun schlafen. Ich werde mit dem ?brigen schon allein fertig. Ich mu? den Kreuzweg zu Ende gehen.?
Er sa? in seinem Lehnstuhl und schwieg. Als der Morgen d?mmerte, schob er sich selbst im Stuhl dicht zum Fenster. Von nun ab schaute er unverwandt dem Sonnenaufgang entgegen. Er streichelte noch ein paarmal tr?stend die H?nde der Seinen.
(...) Dann sp?rten sie seinen Wunsch, allein gelassen zu werden. Sie begaben sich in den Nebenraum, der durch verh?ngte T?rscheiben ein Beobachten des Schlafzimmers gestattete.
Jetzt zog sich der Sterbende das Hemd vom Leib und sa? mit nacktem Oberk?rper. Er breitete die Arme aus und atmete tief, regelm??ig und ruhig.
Sein Blick fing die ersten Sonnenstrahlen auf.
Fast unmerklich atmete er aus.? (Smit 1990, 283/284).

Als offizielle Todesursache wurde Ur?mie angegeben (interessant ist, dass Sri Aurobindo ebenfalls in einer Yoga-Stellung starb ? mit der gleichen offiziellen Todesursache). Einer seiner letzten W?nsche war, dass ihm ein Arzt nach seinem Tod einen Gnadenstich ins Herz geben sollte, weil er wegen seiner vielen Yoga-?bungen bef?rchtete, als Scheintoter begraben zu werden (Smit 1990, 287).

Ich habe Meyrinks Lebensweg und seinen Tod in vielleicht gr??erer Ausf?hrlichkeit dargestellt, als es dem Rahmen einer Arbeit dieses Themas entspricht. Dennoch glaube ich, dass die Abenteuerlichkeit und die Vielschichtigkeit von Meyrinks au?ergew?hnlichem, geradezu ?psychedelischem? Leben diese Darstellung rechtfertigt, vielleicht sogar fordert. Eine k?rzere Darstellung k?nnte ihm in keiner Weise gerecht werden.

?Tag f?r Tag, Minute um Minute wurde ich geschmiedet, ich wei? nicht ob zu einem Gott oder was. Aber etwas wurde oder wird aus mir. Das gen?gt, denn es ist das, was Gott erbauen wollte. F?r alle anderen ist es genauso.?

Sri Aurobindo (in: Satprem 1987, 131)



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18.6.05 21:49
 

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