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Doltschin - Die anderen Seiten der Wirklichkeit (19)

* Eine Geschichte von BeautifulExperience *

Für Tanja


ERDE


„Ich kehrte also zurück in diese Welt, für die ich nur drei Stunden lang ohnmächtig gewesen war infolge eines Hitzeschlags. Ich kehrte zurück in diese Welt der Nüchternheit und des Verstandes als Schwacher unter Schwachen, anfangs noch unter dem Eindruck seltsamer Erinnerungen und unerklärlicher Träume, die mich aus dem Schlaf hochschrecken und zweifeln ließen an der Wirklichkeit dieser Welt, später jedoch immer sicherer werdend, dass es lediglich Halluzinationen gewesen sein konnten, Halluzinationen gewesen sein mussten, die mich so nachhaltig beeindruckten.
Schließlich: Was wäre die Alternative gewesen, Peter? Ich konnte nicht zweifeln an meinem Verstand, ohne meine Verrücktheit annehmen zu müssen, und so machte ich meinen Alltag wieder zur vertrauten Religion: Ich verdrängte alles, was nicht in dieses System hinein passte und vergaß schließlich restlos alles, was ich erlebt zu haben glaubte.
Nur meine veränderte Augenfarbe blieb eine seltsame Anomalie, die mich jedes Mal zusammenzucken ließ, so oft mein Blick in den Spiegel fiel. So vermied ich es schließlich ganz, mein Spiegelbild zu betrachten, um die unerklärliche Unruhe, die mich jedesmal befiel, zu verhindern. So blieb ich in meinem Innern zutiefst gespalten, während ich mich an der Oberfläche bemühte, so zu sein und so zu leben wie jeder andere, zu leben in einer lauen Welt, die arm war an existentiellen Erfahrungen und nur im finalen Tod ihre existentielle Erfüllung zu finden schien.

Ich zog in diese Stadt, ging einem lediglich Geld einbringenden Job nach, begegnete der Frau, die ich lieben lernte und schließlich heiratete, ohne ihr jemals etwas von meinem Erlebnis auf Island zu erzählen (es kam mir selbst geradezu lächerlich irreal vor, soweit ich mich überhaupt noch zu unregelmäßig wiederkehrenden Zeiten an winzigste Bruchstücke erinnern zu können glaubte), und lebte ansonsten mein Sicherheit vermittelndes Leben der Routine, um älter und immer älter zu werden, mit jedem verstreichenden Tag mehr Kraft zu verlieren, bis schließlich die letzte, unvermeidbare Klippe sichtbar werden würde.
Mein Leben dümpelte also gleichsam dahin wie ein Kahn auf stiller See, den immer wiederkehrenden einschläfernden Ereignissen eines tristen Alltags begegnend, sich in Sicherheit und nichtssagender Behaglichkeit wiegend auf einem unendlichen Ozean der Dekadenz und Langeweile.
Zwanzig Jahre lang, die mir erschienen wie zwanzig ereignislose Monate, bis – ja, bis schließlich doch noch etwas geschah.

Es war vor zehn Tagen gewesen, als ich wie jeden Morgen an der Bushaltestelle stand.
Einer dieser kalten und nebligen Novembertage, die das Blut zähflüssig machen und diese seltsame, kribblige Spannung in der Kopfhaut erzeugen. Ich hatte einen langen und langweiligen Arbeitstag vor mir, als der Bus hielt und ich durch die Hydraulik der sich öffnenden Türen aus meinen Gedanken hochschreckte.
Sie trug einen blauen Regenmantel, und ich war sicher, dass sie darunter nackt war. Als sie mich anlächelte, konnte ich nicht das geringste dagegen tun: Die Tränen schossen mir in die Augen, und ich konnte sie durch den Schleier nur noch undeutlich erkennen. Ihre Hand berührte sanft meine Schulter.
„Keoma...“, sagte sie leise.
Hier war ich mein ganzes Leben lang Ken, und wenn ich meinem Verstand glauben wollte, war ich nur drei Stunden meines Lebens – drei Stunden von vierzig Jahren – Keoma gewesen.
Das Gefühl, in einen tiefen Schacht zu fallen, während sich die Zeit um mich herum verdichtete und meinen Fall genauso auffing wie sie meine Bewegungen verlangsamte, wurde übermächtig. Doch ich stand da, und ein Wesen aus einem lange zurückliegenden Traum sprach mich mit meinem einzigen Namen an, dem einzigen, der für mich zählte - und beinahe augenblicklich sah ich Dinge, die ich lange vergessen zu haben glaubte: Lebendige Bilder eines wilden, ungezähmten Landes.
Mein Blick klärte sich, und ich nahm die ungläubigen Blicke der Passanten wahr, die die seltsame Reaktion des älteren Herren angesichts des jungen Mädchens verstohlen beobachteten. Tania sah aus wie damals, als ich sie das erste Mal auf Island gesehen hatte: Die Zeit war spurlos an ihr vorbeigegangen, während ich wohl um mehr als zwanzig Jahre gealtert sein musste.
„Du erinnerst dich also noch an mich – obwohl du wohl kaum an meine Rückkehr geglaubt hast.“
Sie strich mit ihrer Hand durch mein Haar, spielte mit den Fingern in meinem Nacken.
„Du hast dich verändert.“
Ich war unfähig, mich zu bewegen oder auch nur irgendetwas zu entgegnen, war wie vom Schlag gerührt. Sie beugte sich dicht zu meinem Ohr und flüsterte:
„Wenn du bereit bist, kommst du, ja?“
Ich spürte ihre Lippen auf meinem Mund, und ihre Zunge drang warm und zart ein wie der flatternde Flügel eines Schmetterlings. Tania löste sich und verschwand in der Menge, bevor ich mich aus meiner Starre befreien konnte. Es war, als wäre sie nie dagewesen.
Doch als ich bereits an meinem Erlebnis zweifeln wollte, konnte ich sie ganz deutlich in mir hören:
„Du kennst den Weg, Keo...“
Alles, was dann geschah, weißt du bereits, Peter.
Nun aber schließt sich der Kreis. Ich fühle es ganz deutlich. Von Anfang an hat es so sein müssen...“



in the flow
29.5.07 21:01
 

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