Das Buch der Träume
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Zirkuskind

* Eine Geschichte von BeautifulExperience *

Inspiriert von lausanne made me jump

Für Lia


"I've repeated this dance at nauseum
There's still something to learn that I've not
I'm told to see this as divine perfection..."

Alanis Morissette, It's a Bitch to Grow Up





Sie hatte die Ausstrahlung eines wilden Zigeunermädchens, und ich konnte kaum glauben, sie in diesem kleinen Zirkusrund zu sehen. Es war ein Familienzirkus, und die Ränge waren bestenfalls halb gefüllt. Ihre Nummer mit dem weißen Pony belustigte mich anfangs: sie mit nackten Füßen auf dem Rücken des Tieres stehen zu sehen, so konzentriert im Gesicht, und dann mit weit gespreizten Beinen über den Kopf des Ponys abspringen, mit einem so strahlenden Lächeln, dass es unfassbar schien, im Gegensatz zu der so ernsthaften Konzentration kurz zuvor. Und dann stand sie fest auf dem Boden der Arena, verbeugte sich, und der Applaus brandete auf, fast so, als wären die Ränge nicht zur Hälfte, sondern ganz gefüllt. Dann endete die Vorstellung, denn ihre Nummer war die Letzte, ein Tribut an die zahlreichen Kinder im Rund der Manege, die oft noch nach vorne kamen und das Pony des Zigeunermädchens streicheln durften.
Der Zirkus hatte sechs große Vorstellungen die Woche, und er blieb vier Monate lang in unserem kleinen Städtchen. Ab und zu fiel mir das Schild "Ausverkauft!" an den Aufgängen ins Zelt auf, und mit etwas Wehmut betrachtete ich diese Erinnerung an bessere Zeiten.
Die Vorstellung lief stets gleich ab; es gab keine Überraschungen. Aber sämtliche Auftritte geschahen in Perfektion, und mehr und mehr schien alles auf die Nummer des Mädchens hinauszulaufen. Wie sie da stand auf dem Rücken des kleinen Pferdes, die Arme zur Balance seitlich ausgestreckt, auf ihrer einen Runde unter den Blicken der Zuschauer in der immer nur halb gefüllten Arena, und dann der immer gleiche perfekte Sprung über den Kopf des Ponys - dieser Sprung, bei dem sie einen winzigen Augenblick in der Luft zu hängen schien wie im Standbild eines Films, bis jeder vollkommen unter dem Eindruck dieses unglaublichen Lächelns stand. Und dann traf sie auf mit geschlossenen Füßen, stand fest und sicher, und sie verbeugte sich in alle Richtungen, stets dreimal, und nahm den verdienten Applaus entgegen, der immer ohrenbetäubend war, und auch ich ertappte mich dabei, mit den Füßen zu trampeln.
Auch ich ging diesmal nach vorne wie die Kinder, um das Pony zu streicheln, ich wollte Zirkusluft schnuppern und ganz nahe dran sein, wenn die Kleinen dem Mädchen ihre neugierigen Fragen stellten. Zuerst hörte ich ihr unverkennbares Lachen, ein so ungekünsteltes Kinderlachen, dass ich es niemals vergessen werde, aber davor noch war ihre Antwort, die mir erst im Nachhinein bewusst wurde, weil sie so wenig Sinn für mich ergab:
"Ja, sie halten mich fest mit ihren Blicken, und ich kann gar nicht fallen!"
Und von da an sah ich ganz genau hin.

Es konnte eine Täuschung sein, aber sie schien wirklich einen Augenblick mit weit gespreizten Beinen in der Luft zu stehen, ganz toter Mann unter Wasser, wie unter Wasser, aber ihre Haare flogen, und alles bewegte sich im Rund der Manege, die Gesichter der Menschen fingen ihr Lachen auf und lachten mit wie in Zeitlupe, manchmal wie in Zeitlupe, ja - die Zeit schien ehrfürchtig innezuhalten bei ihrem Sprung. Und dann traf sie auf, der Staub wirbelte zu ihren nackten Füßen auf, und sie stand fest und still, und ich konnte nicht anders als klatschen und trampeln und atemlos sein.

Ich konnte nicht anders als mich wundern, während der Clown das Schild "Ausverkauft!" an den Treppenaufgang stellte, und ich wollte ihn fragen, aber das Gedränge und der Lärm, alles war zu groß und zu viel, und als die Sonne hinter mir und ich im Halbdunkel des Zelts war, da war es berstend gefüllt bis auf den letzten Platz und dann wieder halb leer, und ich rieb mir die Augen und konnte meinen Platz nicht finden, weil alles besetzt war. Doch die Stimme des Platzanweisers war beruhigend wie immer, als er mit weit ausholender Geste bei einer angedeuteten Verbeugung auf die leeren Ränge zur Linken zeigte und mich mit seinen silbernen Augen, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte, scheinbar unendlich lange anschaute: "Nur herein spaziert! Hier finden alle ihren Platz, und keiner muss draußen bleiben!"
Aber diesmal beruhigte mich seine Stimme nicht, mir war kalt, und ich wusste, ich hatte viele Fragen, und ich würde mir meine Fragen gut merken müssen, um nicht eine zu vergessen, während sich die Ränge vor meinen Augen mit Menschen leerten und füllten, leerten und füllten, und ich würde dem Zigeunermädchen meine Fragen stellen, wenn ich diesmal nahe genug an sie heran kam: Wie lange ist euer Zirkus schon hier, sag es mir, und wie lange bin ich im Zirkus?
Aber vor allem werde ich diesmal ganz genau hinsehen, ja. Ich werde sie nicht aus den Augen lassen, und ich werde ihr Lächeln zu begreifen versuchen, wenn sie festen Stand hat und sich vor den Sichtbaren und den Unsichtbaren verbeugt, und dann werde ich sie vielleicht fragen, auf welche Seite ich gehöre, falls mich mein Mut nicht verlässt.
Ich sehe mich nach links und nach rechts um, und die Arena ist so viel größer, als ich gedacht habe.
Das Pony des Mädchens aber ist weiß. Es ist weiß! Ich bin sicher.
Ich kann ihren Auftritt kaum abwarten.



Eine Hexengeschichte aus der MATRIX
7.6.08 21:52
 

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