Das Buch der Träume
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The Manhattan Diaries
Teil 6


* Eine Geschichte von BeautifulExperience *


Ich ließ meinen Blick über die Aussichtsplattform schweifen und bemerkte am anderen Ende eine Bewegung, die mich irritierte. Während Tanja und Bo immer noch das Funkeln des Sonnenlichts auf den Wasserspeiern des Chrysler Buildings betrachteten, drängelte ich mich durch das Gewühl auf die andere Seite mit dem Blick auf East River und Brooklyn, und auf der kleinen Fläche der Betonmauer jenseits des Geländers bemerkte ich die schwarze Taube. Ich konnte kaum glauben, dass sie sich in dieser Höhe aufhielt, und ich sah diese Taube mit einem Mal mit ganz anderen Augen als die Tauben, die ich aus den Fußgängerzonen kannte. Ein so mutiges kleines Wesen, frei von Angst vor dieser schwindelerregenden Höhe, und als ich in ihr kleines schwarzes Auge blickte, hatte ich das Gefühl, dass auch sie mich anschaute und bewusst wahrnahm. Das war der Moment, in dem mich ihr Auge in sich aufnahm, und als sie sich flügelschlagend von der Mauer abstieß, konnte ich nicht nur die Stadt unter mir, sondern auch mich selbst sehen, wie ich mit leerem Blick dastand, meine Haare bewegten sich im Wind. Ich ließ mich ein wenig im Wind fallen und fühlte das kaum vorhandene Gewicht meines neuen Körpers, um mich schon im nächsten Augenblick von einem Aufwind empor tragen zu lassen bis hoch zur Spitze des Empire State Buildings, und mit meinen Flügeln fing ich die Sonnenstrahlen ein. Da wurde mir schlecht und ich fiel, und als ich Tanjas Umarmung spürte, atmete ich aus und fühlte gleichzeitig ihren sanften Kuss im Nacken. Ich drehte mich um und sie lächelte. Bo aber hatte den Blick nach oben gerichtet und beobachtete die Taube.

*

Little Italy, Tribeca, Soho, Chinatown – obwohl der Süden von Manhattan einen eher verwahrlosten Eindruck machte, hatte er es uns ganz besonders angetan. Bei allem Schäbigen hatte die Gegend südlich der 23rd Street jenseits des Flat Iron Building etwas wunderbar Wildes, und ich weiß noch, wie wir dieses eine Foto von Bo in Soho knipsten: er hatte sein geliebtes rotes Mexx-Shirt an und grinste auf eine Art in die Kamera, dass mir klar war, wie sehr er sich in diesem ungeschliffenen Teil der Stadt zuhause fühlte. Der Asphalt glühte bei über 35° Celsius, wir schwitzten wie verrückt, doch er sah aus, als wolle er auf dem Weg zum Century 21 (Prada, Gucci, Calvin Klein, Helmut Lang zu Dumpingpreisen!) Hydranten ausreißen – Bäume gibt’s ja nicht so viele in Manhattan.
Sein Lachen war selbstbewusst und irgendwie dreckig, und ich wusste, warum ich ihn so sehr liebe. Am liebsten hätte ich ihn direkt auf der Straße gevögelt, und in seinen Augen konnte ich sehen, dass er über meine Gedanken Bescheid wusste. Tanja lächelte mich an und sagte, dass wir wohl besser weitergehen, bevor ich noch Dummheiten mache.

*

Während ich jetzt meine Notizen sichte und alles ins Reine schreibe, tut es besonders weh. Mir kommen die Tränen und ich spüre diese Mischung aus Traurigkeit und Glück, die mich fast zu zerreißen droht, weil ich die Schönheit und den Zauber dieser Tage wieder vor mir sehe, als wäre es gerade gestern gewesen, als wir vom Shuttle direkt vor dem Pennsylvania abgesetzt wurden.

*

Nach unserem etwas verkorksten Aufenthalt am Columbus Circle (Bo war ja so was von scheißaggressiv und sprach in seiner abgefahrenen Paranoia davon, „einen kleinen Amerikaner killen“ zu wollen!) und einem Abstecher in den südwestlichen, ziemlich abgerissenen Teil des Central Parks (ich kann immer noch die Trommeln hören, die der Schwarze am Eingang des Parks aus einfachen Malereimern improvisiert hatte und deren dumpfer, hypnotischer Klang mich ein bisschen an die Geschichte erinnerte, die Jana Bo zu seinem Geburtstag geschenkt hatte) quälten wir uns durch Lärm, Dreck und Hitze über die Central Park South rüber zur Fifth Avenue.
Es war unser zweiter Tag in Manhattan, und es war nicht nur grauenhaft heiß; alles war dermaßen laut, überfüllt und „schnell“, dass keiner von uns mithalten konnte. Die Herzfrequenz New Yorks war ein Exzess, und der Times Square war die Hölle. Wie aggressiv Bo war, konnten wir an seiner Körperhaltung ablesen. Er bewegte sich wie auf dem Sprung, und die Leute machten bereitwillig Platz. Seine Muskeln waren angespannt, sein Gesicht eine Maske. Er machte mir Angst, und gleichzeitig hasste ich ihn für das, was von ihm ausging und uns die Stimmung verdarb.
Niemand von uns hatte es leicht, sich auf diese Stadt einzustellen, aber er ließ sich gehen. Im nachhinein war es wahrscheinlich diese Aggressivität, die uns abends aus der brenzligen Situation am Madison Square Garden rettete, doch in dem Moment war er einfach nur ein Assi: launisch, rücksichtslos, selbstherrlich und abstoßend. Wäre mir nicht klar gewesen, dass er schon wenige Augenblicke später wieder völlig anders sein kann, ich glaube, ich hätte nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Als wir im Deli (Broadway, Ecke Columbus Circle) etwas zu essen auftaten, war seine Laune am Tiefpunkt, und einen Moment lang hatte ich die Szene aus „Falling Down“ vor Augen, wo Michael Douglas mit einem Baseballschläger die halbe Einrichtung auseinander nimmt, weil ihm die Preisvorstellungen des koreanischen Ladeninhabers nicht zusagen. Ich flüsterte es Tanja, und wir brachen in schallendes Gelächter aus – mit dem positiven Nebeneffekt, dass Bo irritiert guckte und wenigstens teilweise aus seiner Paranoia Richtung Oberfläche ruderte. Wenigstens konnte er die Sonnenstrahlen durch die Wasseroberfläche schimmern sehen, und da war das Schlimmste vorbei. Tanja gab ihm einen Schubs („Komm, lass mich vorbei, die Theke ist nicht nur für dich!“), streckte ihm die Zunge raus und da musste er lachen, und ich war wahnsinnig erleichtert. Erst jetzt, da ich tief einatmete, merkte ich, dass ich die ganze Zeit flach geatmet hatte, und ich fragte mich, wieso ich manchmal soviel Angst vor ihm hatte, obwohl ich genau wusste, dass er mir nie etwas tun würde.
20.8.06 20:07
 

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