Das Buch der Träume
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The Manhattan Diaries

* Eine Geschichte von BeautifulExperience *

Diese Diaries sind für dich, Mirella. Danke, dass ich mit deiner Seele sehen durfte.
Diese Diaries sind auch für dich, Tanja. Danke, dass du wegen New York nicht lockergelassen und mir Manhattan gezeigt hast!

Inspiriert durch Luis Royo, die Geschichte Die Royo-Stories: Spikes und durch die Welten, die Sandra Buol in ihren Geschichten Conversiones und Der Ring bereist hat.


Sommer 2002, New York.
Wir waren das erste Mal hier, und nach zwölf Tagen Manhattan waren wir so übersättigt von dieser Stadt, dass wir nie wieder zurück kommen wollten in diesen Albtraum.
Aber wir haben Manhattan nie wieder verlassen.

*


Diese Stadt macht mich verrückt, und da geht es mir genauso wie ihm. Nur Tanja hat sich von Anfang an zurecht gefunden. Bo brauchte drei Tage, bis seine Stimmung ausgeglichen war und er es wirklich zu genießen begann, hier zu sein, und für mich musste es Samstag werden, um mich endgültig an das Tempo dieser Stadt zu gewöhnen. Erst jetzt bin ich in der Lage, das aufzuschreiben, was ich erlebe.

New York City ist Mitte Juli heiß wie ein Backofen. Die Stadt ist laut, irrsinnig schnell, schmutzig, lebendig wie ein Ameisenhaufen, chaotisch, grell, gefährlich, auf dunkle Weise schön und in jeder Hinsicht überwältigend.
New York macht aggressiv, solange du langsamer bist. New York macht geil, sobald du mit dem Pulsschlag der Stadt mithalten kannst. Nicht leicht, sich anzupassen.

Wir hatten uns vorgenommen, Manhattan auf die krasse Tour zu erkunden, möglichst zu Fuß – ohne Subway und weitgehend ohne Bus und Taxi. Jetzt, nachdem ich wieder zurück bin, kann ich sagen, dass wir es tatsächlich völlig „ohne“ geschafft haben: Das einzige Mal in einem Yellow Cab war unsere Fahrt gestern von unserem Hotel zum JFK.

Das Pennsylvania ist zwar ein für amerikanische Verhältnisse uralter Kasten mit eintausendsiebenhundert Betten, das seine besten Zeiten als Nobelhotel in den 30er Jahren längst hinter sich hat – aber es ist direkt gegenüber dem Madison Square Garden, zwei Blocks vom Empire State Building entfernt und nahe dem Times Square in Midtown Manhattan so zentral gelegen, dass der Central Park in fünfundvierzig Minuten und Ground Zero in knapp zwei Stunden zu Fuß zu erreichen sind.
Die Sicherheitskontrollen im Hotel sind lasch, doch zum Glück lassen sich die Zimmertüren durch Security Dead Bolt und Chain von innen doppelt sichern, und in die Türen ist noch ein Spionfenster eingelassen.
Unser Zimmer ist im achten Stock, mit einem King-Size-Bett (ein einziges riesiges Bettlaken zum Zudecken, um das wir uns streiten müssen!), begehbarem Kleiderschrank, Fernseher mit sechsunddreißig Programmen, eigenem Kühlschrank, Badewanne und WC ausgestattet. Das hört sich jetzt besser an, als es ist: Die Klimaanlage kühlt viel zu extrem und lässt sich nicht justieren (außerdem klappert das Scheißding!), und das Leitungswasser in Manhattan ist eine bräunlich-trübe, gechlorte Brühe, die zum Trinken sicher nicht und zum Duschen nur bedingt geeignet ist.

Nach neun Stunden Flug, zwei Stunden Anfahrt zu unserem Hotel und einem ersten Streifzug um die Blocks sind wir nach einem gemütlichen Pizzaessen bei Sbarro um die Ecke so müde, dass nur noch an Schlafen zu denken ist. Und nachdem ich mich während des Flugs zeitweise wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt hab, bin ich jetzt in ihrer Mitte so geborgen, dass ich ihre Umarmung und die Nähe ihrer Körper über alles genieße. Es ist ein wunderbares Gefühl, wie Bo in meinen Nacken atmet, während Tanja mir einen Gutenacht-Kuss auf die Stirn gibt.

*

In den kommenden Tagen durchstreifen wir Manhattan von unserem Hotel aus bis zur Südspitze, und gen Norden ist die Mitte des Central Parks unsere Grenze. Nördlich davon ist Sperrgebiet: Das tiefere Harlem und nordöstlich davon die Bronx sind auch tagsüber lebensgefährlich.
Trotz dem wahnsinnigen Verkehrsaufkommen mit ständigem Gehupe, häufig wiederkehrenden Polizei- und Feuerwehrsirenen, all dem Lärm und dem wilden Gewusel der Menschen sind die Leute hier viel entspannter, viel netter als bei uns, und wenn du dich mal nicht zurechtfindest, hilft dir beinahe jeder gerne weiter.
Die Menschen – und dabei vor allem die Schwarzen – haben ganz schnell ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn du sie ansprichst, und diese Freundlichkeit ist ansteckend: Du fühlst dich sehr schnell wohl. Im dichtesten Gedränge achtet jeder darauf, den anderen nicht anzurempeln, und geschieht es doch, berührt man sein Gegenüber am Oberarm oder an der Schulter und entschuldigt sich offen und herzlich.

Aber wenn es dunkel wird, ändern sich die Dinge. Man kann es beinahe spüren, wie die Stimmung bedrückend wird, und es erscheinen Typen auf der Straße, denen du tagsüber nicht begegnest. Wir waren so naiv zu glauben, dass Midtown Manhattan sicher ist, als wir kurz nach zehn in Richtung Hudson Street unterwegs waren, um beim nächsten Rite Aid noch ein paar Lebensmittel einzukaufen. Die Hudson Street markiert die Grenze zu einem überwiegend puertorikanischen Wohngebiet, und die Gegend um unser Hotel und den Times Square ist wesentlich geprägt vom New Yorker Rotlichtviertel, aber das war uns zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Der bullige Typ, der beim Madison Square Garden mit dem Gesicht in der Armbeuge verborgen zur Wand angelehnt dastand, fiel uns zwar auf, doch wir glaubten, er sei betrunken, bis er uns mit einem Mal schnellen Schrittes in die überdachte Baustellenunterführung folgte.
Ich lachte weiter mit Tanja, um meine Nervosität zu überspielen, und ich sah in Bos angespanntem Gesichtsausdruck, dass es ernst war, als der Typ schon von hinten an meinem Rucksack zerrte und ich das Gleichgewicht verlor. Ich schrie, stürzte, griff aber mit einer Hand nach meinem Rucksack, den Tanja bereits festzuhalten versuchte. Der brutale Kerl bellte etwas und holte mit der Faust aus; alles ging grauenhaft schnell, und dreißig Meter hinter uns gingen Leute die 7th entlang, ohne uns zu bemerken.
„Zurück!“ sagte Bo. Er sagte es in einer ganz normalen Stimmlage, stand einfach nur frontal zu dem Schläger da, vielleicht drei Meter entfernt. Er schaute uns nicht an, fixierte nur den Kerl, der einen Kopf größer war als er und beinahe doppelt so breit. Ich ließ wie Tanja den Rucksack los und wich zurück; es war eine absolut angstmachende Situation!
„Gimme the bag, and then fuck off!”
Bos Gesicht war steinern, seine Augen kalt. Ich konnte nicht glauben, was er mit ruhiger Stimme, ohne ein Anzeichen von Furcht, gesagt hatte. Der Typ stürzte sich ohne einen Laut auf ihn wie ein Tier. Bo unterlief seinen Schlag und rammte ihm mit voller Wucht das Knie in den Unterleib, wurde aber von der Körpermasse seines Gegners umgerissen und kam unter ihm zu liegen. Er wand sich geschmeidig wie eine Schlange heraus, befreite innerhalb eines Augenblicks seinen Oberkörper, als eine Pranke des Mannes sich um seinen Kehlkopf schloss. Bo stieß ihm den Ellbogen ins Gesicht und es gab ein krachendes Geräusch, bei dem mir schlecht wurde. Er riss seinen Kopf an den Haaren zurück und schlug ihm die Faust ins Gesicht, das schon voller Blut war. Der Typ schrie auf vor Schmerz und Wut, kam irgendwie gleichzeitig wie Bo auf die Beine und zog ein Messer. Tanja und ich waren wie gelähmt und konnten uns nicht bewegen, nicht einmal um Hilfe rufen. Ich weiß, dass das komisch klingt, und dass es vielleicht nicht so leicht nachzuvollziehen ist. Aber das alles, diese Explosion der Gewalt war innerhalb weniger Minuten geschehen, und keiner von uns hatte Zeit gehabt, auch nur eine Sekunde nachzudenken. Bos Brustkorb hob und senkte sich schnell, er war sichtlich außer Atem; doch Blut verlor nur sein Gegenüber, dessen hasserfüllter Gesichtsausdruck keinen Zweifel darüber ließ, was er tun wollte. Was nun geschah, ist so unheimlich, dass ich immer noch durcheinander bin, wenn ich daran denke. Es war so verrückt, so völlig wider jede Vernunft, dass ich einen Augenblick lang an Bos Verstand zweifelte, als er erst zu lächeln und dann zu lachen begann. Der blutüberströmte Bulle schien einen Moment lang verunsichert, dann äußerst wachsam, als Bo ihn heranwinkte: „Come closer, just a little bit..“
Und dann, leise und eindringlich: „Within three weeks you’ll be there, where you came from. Believe me, guy. Just kill me and you’ll have a lot of fun.” Und dann konnte ich zum erstenmal Angst in den Augen des Typen sehen. Er wich zurück, steckte das Messer weg und begann rückwärts die Straße hinunterzugehen, drehte sich um und ging schneller auf die Hudson Street zu, wo er um die Ecke verschwand.
Bo hob meinen Rucksack vom Boden auf und reichte ihn mir. Wir umarmten ihn, völlig erleichtert. Ich weinte vor Aufregung, und als er sagte, dass wir besser ins Hotel zurückgehen und in den verbleibenden Tagen die Dunkelheit und Seitenstraßen nach Möglichkeit vermeiden, gab es keinen Zweifel, dass er recht hatte. Er behauptete, dass es nur ein Schuß ins Blaue, nur ein Bluff war, was den Räuber schließlich flüchten ließ. Er habe seine Schlussfolgerungen aus den Knasttätowierungen gezogen, und keiner der wirklich dominanten Typen habe „Bitch“ auf den Oberarm tätowiert. Aber wir glaubten ihm kein Wort.

*

Wir unterhielten uns, während er duschte. Ich hatte ihn zum erstenmal so erlebt, aber ich war sicher, dass er aus solchen Situationen etwas für sich zog. Bo machte den Eindruck, die Gewalt zu genießen, und Tanja bestätigte meine Vermutung.
Er sei niemand, der solche Situationen suche, aber er weiche ihnen auch nicht unbedingt aus. Und wenn er ihnen ausgesetzt sei, lade er sich regelrecht an ihnen auf und gewinne Energie aus ihnen, laufe aber Gefahr, sich zu überschätzen und sich selbst und andere in Gefahr zu bringen. Obwohl ich Angst hatte, als es passiert war, war ich jetzt im nachhinein körperlich erregt, und als ich es Tanja sagte, lachten wir beide. Es war außerdem nicht schlecht, um Boris eine kleine Belohnung zukommen zu lassen.

*

Macy’s als der Welt angeblich größtes Kaufhaus hat uns enttäuscht. Wenn ich sage, dass sich weder der Karstadt in Karlsruhe noch der in Stuttgart hinter Macy’s verstecken müssen, übertreibe ich nicht. Macy’s ist in erster Linie groß, aber das war es auch schon.
Bei weitem besser gefiel mir Sacs Fifth Avenue. Sacs ist zwar ein bisschen kleiner als Macy’s, aber bei weitem nobler ausgestattet. Nicht so krass wie Bergdorf Goodman, wo du dir so fehl am Platz vorkommst, als ob du auf einem anderen Planeten gelandet wärst, sondern so, dass man sich wirklich wohl fühlen kann. Es hat eine große Abteilung Designermode und eine riesige Auswahl an sexy Schuhen. Bei den Schuhen verweilten wir am längsten, und Bo bekam ganz schön Stielaugen, als wir High Heels von Gucci, Steve Madden und Kenneth Cole anprobierten. Schuhe von Madden und Cole lagen zwischen einhundertfünfzig und zweihundert Dollar, Gucci aber ab dreihundert Dollar aufwärts. Die von Gucci mit zwölf Zentimeter Absatz (edles braunes Leder mit goldenen Schnallen) waren wirklich scharf, und ich machte mir einen Spaß daraus, Bo ein bisschen anzuheizen, nachdem Tanja mir zuflüsterte, dass ich mir den Schuh doch von Bo anziehen lassen soll. Ob er der einzige Mann war, der in der Abteilung mit einer Beule in der Hose zu kämpfen hatte?

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Ich weiß nicht, die wievielte Seitenstraße es war, aber langsam bekam ich doch Angst. Es wurde bereits dunkler, und seit einer Stunde suchte ich unser Hotel. Die Hauptstraße, auf der ich an den unzähligen Straßenhändlern, die lauthals ihre Pfannen, Bücher, Shirts und Uhren anpriesen, vorbei entlanggegangen war, war die 6th, die Avenue of the Americas. Aber ich konnte die Namen auf den Schildern der Querstraßen nicht erkennen, so sehr ich es auch versuchte.

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Als ich ihn wegen meiner Idee für ein Tagebuch über unseren Urlaub in New York fragte, rechnete ich damit, dass er über mich lachen würde, wenn ich es in „The Endorphinmachine“ veröffentlichen wollte. Außerdem ging ich davon aus, dass er dagegen sei, zuviel Privates öffentlich zu machen, aber stattdessen ermutigte er mich. Auch Tanja bremste mich nicht, bat mich nur, nicht zu sehr in allzu intime Details zu gehen. Bo lachte und meinte, warum eigentlich nicht? Tanja guckte ein bisschen sauer, und ich fühlte mich plötzlich nicht mehr so wohl in meiner Haut; ich meinte nur kleinlaut, dass ein „normales“ Reisetagebuch wohl eher langweilig zu lesen sei für jeden, der die Reise nicht selbst gemacht hat. Bo meinte aber, dass das nicht so sein müsse, wenn ich den Mut aufbringen könnte, alle Regeln für ein „Reisetagebuch“ außer acht zu lassen, und dass auch inhaltlich alles möglich wäre, wenn ich nicht zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheide. Erfundene Elemente müssten die gleiche Wertigkeit haben wie tatsächliche Erlebnisse. Wenn ich mich dazu noch frei machen könnte von der Gebundenheit an einen zeitlichen Ablauf und stattdessen eine Patchwork-Technik ausprobiere, mit der ich die Passagen des Tagebuchs frei anordnen würde, dann könnte meine Schilderung wirklich etwas Besonderes werden. Mehr brauchte er mir nicht zu sagen, um mich zu begeistern.

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Die neunte oder zehnte Querstraße nahm ich dann, ohne bereits nach einem Drittel wieder umzudrehen und zurück zur Ave of the Americas zu gehen, weil ich den Eindruck hatte, erneut falsch zu sein. Ich würde sie einfach ganz durchqueren, bis ich entweder auf die Fashion Avenue (die 7th, in der unser Hotel war), oder auf die Fifth stieß, je nachdem.
Manhattan ist wie Mannheim größtenteils in Quadrate eingeteilt. Straßen in Nord-Süd-Richtung sind „Avenues“, in West-Ost-Richtung „Streets“. Das Pennsylvania Hotel ist in der 7th, 33rd Street. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte den Namen der Querstraße auf dem Schild nicht erkennen. Ich fragte einen Schwarzen und er lächelte, sagte: „Just go there, straight ahead!“ Er zeigte die Straße hinunter und mir fiel auf, dass er blau lackierte Fingernägel hatte; ich musste unwillkürlich an Dennis Rodman denken, obwohl er ansonsten nicht viel Ähnlichkeit mit ihm hatte. Aber sein Lächeln war falsch und ich fühlte mich mit einem Mal noch viel weniger wohl.
Die Straße starrte vor Schmutz, Geschäft reihte sich an Geschäft und die bloße Menge der Menschen begann mich zu nerven. Durch das ständige Hupen der Autos und den Geruch der Abgase hatte ich Kopfschmerzen, und die Füße taten mir weh.
Die Straße nahm und nahm kein Ende, und in meiner Verzweiflung ging ich in den nächstbesten Geschäftseingang, um den Verkäufer nach dem Weg zu fragen.

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Gestern überlegten wir, wie man New York City am besten in einem einzigen Wort beschreiben könnte, einem Wort, das alle Eigenschaften und Eindrücke der Stadt so umfassen könnte, dass nichts, kein einziger Aspekt verloren geht, und Tanja hatte sofort den passenden Ausdruck parat: laut.
New York City ist laut, in jeder Hinsicht.

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Der Rückflug ist bei weitem unruhiger als der Hinflug, und während es in New York noch nicht mal 22 Uhr ist, ist es in Frankfurt kurz vor 4 Uhr früh. So geil New York auch war, wir sind alle froh, bald wieder zuhause anzukommen. Shoppen kann so anstrengend sein!
Nein, Kultur war wirklich nicht so unser Ding während unserem zwölftägigen Trip, aber trotzdem haben wir einiges von Soho gesehen, Chinatown gestreift, die City Hall angeschaut und im City Hall Park mit seinem schönen Brunnen zu Mittag gegessen. Wir sind über die Brooklyn Bridge geschlendert und haben die Aussicht auf die Skyline von Downtown genossen, haben mit der Grand Central Station den vielleicht schönsten Bahnhof der Welt gesehen, die himmlische Ruhe in den riesigen Hallen der Public Library genossen, im Bryant und im Central Park abgehangen, den Trump Tower und das Rockefeller Center besichtigt und von der Aussichtsplattform im 86. Stockwerk des Empire State Building die Blicke über Manhattan, Brooklyn und Queens schweifen lassen. Dafür, dass wir ja in erster Linie zum Einkaufen nach New York geflogen sind, ist das letztendlich doch ’ne Menge an Kultur, die wir mitbekommen haben.

*

Sind in Manhattan acht oder vielleicht ein Dutzend Bäumchen an einer Stelle angepflanzt, dann ist das ein Park.
Auf dem Stadtplan sind neben dem Central Park noch eine Menge andere Grünflächen eingezeichnet, und man freut sich und denkt: hey, super! Manhattan hat ja doch einiges an Natur zu bieten! Aber Pustekuchen.
Sobald du dann den sogenannten Park erreichst, relativiert sich alles, und dir wird klar, wie sehr die Ansprüche auf ein bisschen Grün in einem dermaßen zubetonierten Moloch wie Manhattan sinken.
Doch der Central Park ist tatsächlich ein Park, der diesen Namen verdient.

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Wir schütteten uns jedesmal aus vor Lachen, wenn Bo sein anscheinend speziell für Manhattan geschaffenes Lieblingswort benutzte. Egal, ob er bei den löchrigen und unebenen Straßen anfangs stolperte oder im Gedränge versehentlich jemanden anrempelte: da kam kein „Scheiße!“ oder „Sorry!“ über seine Lippen, nur dieses unglaubliche, leise vor sich hingemurmelte „Hoppsala!“.
Hoppsala...
Es klang dermaßen kindlich und irgendwie auch schwul, dass uns die Tränen kamen vor Lachen, und Bo lächelte ein bisschen hilflos und zerknirscht mit, wenn es ihm wieder mal über die Lippen gerutscht war. Ich frage mich, was der Schlägertyp gemacht hätte, wenn Bo gestolpert wäre..

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Wirklich cool war, als in der Höhe von Bloomingdale’s plötzlich Lara Flynn Boyle die Straße überquerte. Sie war die einzige Schauspielerin, die uns bewusst auffiel, und Bo hatte sie zuerst entdeckt: „Mann, ist die süß!“
Wir schauten erst ein bisschen irritiert, weil wir nicht wussten, wen er meinte, aber als wir sie dann sahen, blieb uns beinahe der Mund offen stehen. Sie war wirklich total niedlich und hübsch, und sie verhielt sich kein bisschen affektiert.
Als sie unsere Blicke bemerkte, lächelte sie freundlich, winkte uns kurz zu und verschwand dann in der Menge.

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Im Virgin Megastore am Times Square fühlte sich Bo wie zuhause. Dabei war gerade der Times Square der Platz, der Tanja und mich am meisten abnervte, aber schließlich war Bo ja auch bereit, mit uns jedes Geschäft in der Fifth Avenue abzuklappern. Der Times Square ist wie ein riesiger Ameisenhaufen, von Menschen völlig überlaufen, mit riesigen Neonreklamen, die den Eindruck einer Kulisse aus „Blade Runner“ hinterlassen. Sogar die police station des NYPD blinkt wie ein Weihnachtsbaum. Für Bo war der Times Square das Herz von Manhattan; ich fand diese riesige Konsumkreuzung einfach nur stressig!
In den paar Tagen Manhattan gab er eine Unmenge für CD’s, Artbooks (v.a. von Royo) und seine ganz besonderen Comics aus, Hentai mit Titeln wie „The New Bondage Fairies“, „Temptation“, „Princess of darkness“ und dazu noch berüchtigte Comics von Eric van Gotha, die wie die japanischen Hentai frei verkäuflich waren – zumindest am Times Square keine Spur vom ansonsten eher prüden Amerika. Tanja und ich amüsierten uns prächtig, zumal die Japaner wirklich pervers abgehen: Lehrerinnen verführen ihre pubertierenden Schüler, Mädchen lassen sich von ihrem Schäferhund entjungfern, und schnuckelige kleine Wald-Feen treiben es miteinander und mit Wieseln und Insekten. Aber alles so schön gezeichnet, dass man sich der Wirkung der Bilder kaum entziehen kann.
Nachdem Bos erster Kaufrausch befriedigt war, waren wir mit Sephora dran, einer Nobelparfümerie, in der man sich in Ruhe umsehen und testen kann. Schon am Eingang wird man freundlich durch das Sicherheitspersonal gegrüßt, und die Verkäuferinnen tragen edle schwarze Hosenanzüge und sehen sehr sexy aus. Während wir durch die Regale streiften und Kosmetika entdeckten, die es in Deutschland gar nicht gibt, lümmelte Bo sich in ein schwarzes Ledersofa und blätterte in einem sketchbook von Royo – mit dem Effekt, dass er allen Ernstes von zwei weiblichen Angestellten angesprochen wurde, ob dies sein artwork sei. Sie blätterten begeistert im Buch und es fehlte nur noch, dass er bluffte und ihnen Autogramme gab. Dabei kann er nicht mal einen Elefanten zeichnen, der sich von seinen gemalten Hunden oder Kühen unterscheidet!

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Die Luft im Ladeninneren war eiskalt, die Klimaanlage falsch eingestellt, und einen Augenblick war es wie ein Schock. Es war düster, die einzigen Lichtquellen die Beleuchtung der Aquarien, deren Spiegelungen die Wände in ein Licht tauchten, dass ich den Eindruck hatte, unter Wasser zu sein. Einen Augenblick lang blieb ich stehen und sah mich um, das Klangspiel an der Tür klimperte nur noch leise. Dann ging ich an den sicher zwei Dutzend Aquarien vorbei in den hinteren Teil des Ladens, teilte den aus unzähligen kleinen Glaskugeln bestehenden Vorhang und betrat einen Raum, der voller Terrarien mit wirklich widerlichen Echsen und Schlangen war.

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Die Upper East Side mit Madison und Park Avenue grenzt an die Südostseite des Central Parks an, und hier betraten wir sozusagen beinahe heiligen Boden, nämlich den Originalschauplatz eines unserer Lieblingsfilme, „Eiskalte Engel“. Ein heißes Gefühl, die gleiche Straße entlang zu schlendern, in der sich Sebastian (gespielt von Ryan Phillipe) und Ronald ihre Auseinandersetzung liefern und Sebastian vor ein Auto gerät und überfahren wird.

„Liebe ist ein Spiel. Ohne Gewinner.“

Der Slogan des Films ist so geil, dass ich jedesmal das gleiche aufregende Gefühl habe, wenn ich mir das Cover der DVD anschaue. „Eiskalte Engel“ ist mit Sicherheit die modernste Verfilmung von Choderlos de Laclos’ Briefroman „Les liaisons dangereuses“. Und das Bewusstsein, hier entlang zu streifen, wo sich Reese Witherspoon in der todtraurigen Schlussszene neben Ryan Philippe niedergekniet hat, war einfach Wahnsinn!

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Ich bemerkte den Asiaten erst, als er mich ansprach. Er war wie ein Schatten, und er wurde erst mit seiner Bewegung lebendig. Ich war so in Gedanken, dass ich erschrak.
Er lächelte und wiederholte, was er gesagt hatte, doch ich verstand kein Wort. Er zeigte auf eine rote Tür und deutete mir an, hineinzugehen, und obwohl mir mit einem Mal bewusst wurde, dass ich keine Laute von der Straße mehr hören und mich nicht einmal mehr erinnern konnte, warum ich diesen Laden betreten hatte, ging ich mit dem alten Asiaten, der mich sanft an der Schulter berührte, immer noch lächelte und in hypnotischem Singsang auf mich einredete, auf die Tür zu.

*

Die Geschwindigkeit war kaum zu spüren, aber als ich die Anzeige der Stockwerke verfolgte, wurde mir schlecht, und ich hielt Tanjas Hand ganz fest. In wenigen Augenblicken vom zweiten in den dreißigsten, fünfzigsten, achtzigsten Stock – es war, als ob wir an eine Rakete geklammert in den Himmel emporstiegen. Dann der zweite Lift hoch in den 86. zur Aussichtsplattform des Empire State Building, und dann war uns klar, warum King Kong ausgerechnet dieses Gebäude für seine Kletterpartie ausgesucht hatte.
New York City erstreckte sich unter uns wie ein gigantisches Relief in alle Himmelsrichtungen – Wolkenkratzer mutierten zu Miniaturen und Dachterrassen mit Swimming-Pools sahen wie Spielzeuganlagen aus. Der Central Park erstreckte sich als einzige nennenswerte Grünfläche Manhattans in einem langgezogenen Rechteck nach Norden, und der schmutzig-blaue Himmel über der sommerlichen Stadt verlieh New York beinahe etwas Apokalyptisches. Der Blick nach Downtown ließ die Türme des World Trade Center wie ein Nachbild wiederauferstehen, und die freie Fläche inmitten der südlichen Skyline hatte etwas Gespenstisches. Die Vorstellung, was hier in dieser hochzivilisierten Stadt vor beinahe einem Jahr geschehen war, war so widersinnig und unnatürlich, dass die Fakten in diesem Augenblick unbegreiflich schienen.
Der Lärm der Stadt drang wie ein stetiges Rauschen in diese Höhe, und New York erschien mit einem Mal nicht wie eine Stadt, sondern wie ein gigantisches, sich andauernd veränderndes Lebewesen.

Ich ließ meinen Blick über die Aussichtsplattform schweifen und bemerkte am anderen Ende eine Bewegung, die mich irritierte. Während Tanja und Bo immer noch das Funkeln des Sonnenlichts auf den Wasserspeiern des Chrysler Buildings betrachteten, drängelte ich mich durch das Gewühl auf die andere Seite mit dem Blick auf East River und Brooklyn, und auf der kleinen Fläche der Betonmauer jenseits des Geländers bemerkte ich die schwarze Taube. Ich konnte kaum glauben, dass sie sich in dieser Höhe aufhielt, und ich sah diese Taube mit einem Mal mit ganz anderen Augen als die Tauben, die ich aus den Fußgängerzonen kannte. Ein so mutiges kleines Wesen, frei von Angst vor dieser schwindelerregenden Höhe, und als ich in ihr kleines schwarzes Auge blickte, hatte ich das Gefühl, dass auch sie mich anschaute und bewusst wahrnahm. Das war der Moment, in dem mich ihr Auge in sich aufnahm, und als sie sich flügelschlagend von der Mauer abstieß, konnte ich nicht nur die Stadt unter mir, sondern auch mich selbst sehen, wie ich mit leerem Blick dastand, meine Haare bewegten sich im Wind. Ich ließ mich ein wenig im Wind fallen und fühlte das kaum vorhandene Gewicht meines neuen Körpers, um mich schon im nächsten Augenblick von einem Aufwind empor tragen zu lassen bis hoch zur Spitze des Empire State Buildings, und mit meinen Flügeln fing ich die Sonnenstrahlen ein. Da wurde mir schlecht und ich fiel, und als ich Tanjas Umarmung spürte, atmete ich aus und fühlte gleichzeitig ihren sanften Kuss im Nacken. Ich drehte mich um und sie lächelte. Bo aber hatte den Blick nach oben gerichtet und beobachtete die Taube.

*

Little Italy, Tribeca, Soho, Chinatown – obwohl der Süden von Manhattan einen eher verwahrlosten Eindruck machte, hatte er es uns ganz besonders angetan. Bei allem Schäbigen hatte die Gegend südlich der 23rd Street jenseits des Flat Iron Building etwas wunderbar Wildes, und ich weiß noch, wie wir dieses eine Foto von Bo in Soho knipsten: er hatte sein geliebtes rotes Mexx-Shirt an und grinste auf eine Art in die Kamera, dass mir klar war, wie sehr er sich in diesem ungeschliffenen Teil der Stadt zuhause fühlte. Der Asphalt glühte bei über 35° Celsius, wir schwitzten wie verrückt, doch er sah aus, als wolle er auf dem Weg zum Century 21 (Prada, Gucci, Calvin Klein, Helmut Lang zu Dumpingpreisen!) Hydranten ausreißen – Bäume gibt’s ja nicht so viele in Manhattan.
Sein Lachen war selbstbewusst und irgendwie dreckig, und ich wusste, warum ich ihn so sehr liebe. Am liebsten hätte ich ihn direkt auf der Straße gevögelt, und in seinen Augen konnte ich sehen, dass er über meine Gedanken Bescheid wusste. Tanja lächelte mich an und sagte, dass wir wohl besser weitergehen, bevor ich noch Dummheiten mache.

*

Während ich jetzt meine Notizen sichte und alles ins Reine schreibe, tut es besonders weh. Mir kommen die Tränen und ich spüre diese Mischung aus Traurigkeit und Glück, die mich fast zu zerreißen droht, weil ich die Schönheit und den Zauber dieser Tage wieder vor mir sehe, als wäre es gerade gestern gewesen, als wir vom Shuttle direkt vor dem Pennsylvania abgesetzt wurden.

*

Nach unserem etwas verkorksten Aufenthalt am Columbus Circle (Bo war ja so was von scheißaggressiv und sprach in seiner abgefahrenen Paranoia davon, „einen kleinen Amerikaner killen“ zu wollen!) und einem Abstecher in den südwestlichen, ziemlich abgerissenen Teil des Central Parks (ich kann immer noch die Trommeln hören, die der Schwarze am Eingang des Parks aus einfachen Malereimern improvisiert hatte und deren dumpfer, hypnotischer Klang mich ein bisschen an die Geschichte erinnerte, die Jana Bo zu seinem Geburtstag geschenkt hatte) quälten wir uns durch Lärm, Dreck und Hitze über die Central Park South rüber zur Fifth Avenue.
Es war unser zweiter Tag in Manhattan, und es war nicht nur grauenhaft heiß; alles war dermaßen laut, überfüllt und „schnell“, dass keiner von uns mithalten konnte. Die Herzfrequenz New Yorks war ein Exzess, und der Times Square war die Hölle. Wie aggressiv Bo war, konnten wir an seiner Körperhaltung ablesen. Er bewegte sich wie auf dem Sprung, und die Leute machten bereitwillig Platz. Seine Muskeln waren angespannt, sein Gesicht eine Maske. Er machte mir Angst, und gleichzeitig hasste ich ihn für das, was von ihm ausging und uns die Stimmung verdarb.
Niemand von uns hatte es leicht, sich auf diese Stadt einzustellen, aber er ließ sich gehen. Im nachhinein war es wahrscheinlich diese Aggressivität, die uns abends aus der brenzligen Situation am Madison Square Garden rettete, doch in dem Moment war er einfach nur ein Assi: launisch, rücksichtslos, selbstherrlich und abstoßend. Wäre mir nicht klar gewesen, dass er schon wenige Augenblicke später wieder völlig anders sein kann, ich glaube, ich hätte nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Als wir im Deli (Broadway, Ecke Columbus Circle) etwas zu essen auftaten, war seine Laune am Tiefpunkt, und einen Moment lang hatte ich die Szene aus „Falling Down“ vor Augen, wo Michael Douglas mit einem Baseballschläger die halbe Einrichtung auseinander nimmt, weil ihm die Preisvorstellungen des koreanischen Ladeninhabers nicht zusagen. Ich flüsterte es Tanja, und wir brachen in schallendes Gelächter aus – mit dem positiven Nebeneffekt, dass Bo irritiert guckte und wenigstens teilweise aus seiner Paranoia Richtung Oberfläche ruderte. Wenigstens konnte er die Sonnenstrahlen durch die Wasseroberfläche schimmern sehen, und da war das Schlimmste vorbei. Tanja gab ihm einen Schubs („Komm, lass mich vorbei, die Theke ist nicht nur für dich!“), streckte ihm die Zunge raus und da musste er lachen, und ich war wahnsinnig erleichtert. Erst jetzt, da ich tief einatmete, merkte ich, dass ich die ganze Zeit flach geatmet hatte, und ich fragte mich, wieso ich manchmal soviel Angst vor ihm hatte, obwohl ich genau wusste, dass er mir nie etwas tun würde.

*

Der Trump Tower an der Fifth Avenue sah auf den ersten Blick wie ein Palast aus. Kaum hatten wir das Gebäude betreten, wurden wir beinahe erschlagen von all dem auf Hochglanz polierten Kupfer und Marmor. Doch die prunkvollen Rolltreppen führten ins Leere: die wenigen und eher uninteressanten Geschäfte boten statusorientierte und unbezahlbare Waren an, und die durch Sicherheitsdienste abgeriegelten Fahrstühle machten klar, dass es sich bei dem Tower im Wesentlichen um eine exklusive Wohnanlage für Menschen handelte, die mehr zu verlieren hatten als andere.

Im Inneren war es kühl wie in den meisten Gebäuden Manhattans, und die warmen Farbtöne standen in seltsamem Kontrast zur Temperatur.
Als wir die erste und einzige frei zugängliche Dachterrasse betraten, war die Hitze des Sommers wie eine Wand. Der Verkehrslärm war nervtötend, und die Abgase machten das Atmen schwer. Aber als ich nach oben schaute, funkelte der Tower wie ein Diamant im Sonnenlicht. Die Terrassen stiegen in mehreren Ebenen an, und die kleinen Bäume auf jeder einzelnen spendeten etwas Schatten.

Doch irgendetwas stimmte nicht. Ich wurde den Gedanken nicht los, und ich begann, mich unwohl zu fühlen. Ich sah Tanja und Bo an, aber sie spürten nichts – vielleicht ließen sie es sich auch nicht anmerken. Und als ich wieder nach oben schaute, war es auf einmal so offensichtlich. Der Tower war wie eine Inkapyramide, errichtet im südamerikanischen Dschungel und gleichzeitig auf der Fifth Avenue zu Ehren des Sonnengottes, eines Gottes, der sich in seinen Glasfassaden bricht und sein Licht auf die Stadt hinunter fließen lässt wie die Priester das Blut der Opfer über die Stufen der Pyramide. Während ich darauf wartete, dass die Sonne rot wurde, begann ich zu zittern, und Bo nahm mich in den Arm - völlig blind für das, was ich gerade sah. Und als ich die Augen schloss, weil ich den Anblick der glitzernden Fassaden nicht mehr ertragen wollte, konnte ich ihre angsterfüllten Schreie und die dumpfen Laute der Trommeln hören.

*

Als ich die Hand um den Türknauf schloss, fühlte er sich wie warmes Wasser und gleichzeitig doch fest an, und ich wunderte mich, dass meine Finger nicht hindurchglitten, sondern wirklich Halt fanden.
Das Rot der Tür stach mir in die Augen, und ich konnte das Blut nicht nur riechen, ich konnte es auf der Zunge schmecken. Ich konnte mich kaum noch erinnern, was hinter mir lag (die Terrarien, die Straße) – jeder Gedanke hatte nur noch leichtes Gewicht und fühlte sich ähnlich flüssig an wie der Griff in meiner Hand: auf andere Weise fest und vibrierend bis ins kleinste Atom.
Ich sah ihn an, und das Lächeln des Asiaten wollte mich beruhigen. Es war wie losgelöst auf seinem Gesicht, beinahe, als wollte es abheben, weil es die Nähe seiner kalten Augen nicht ertragen konnte. Das Lächeln wurde zum Grinsen, und mir fiel die Farbe seiner Zähne auf: dieses nicht mehr ganz weiße Weiß, der Tod unter der Oberfläche.
Ich hatte einen Gedanken, doch der Blutgeschmack hinderte meine Zunge, ihn in verständliche Worte zu kleiden, und mit einem leisen Aufstöhnen drehte ich den Knauf. Obwohl ich mich nicht erinnern kann, auch nur einen weiteren Schritt gemacht zu haben, bewegte ich mich vorwärts. Ich hatte die Augen geschlossen, und die Wärme umfing und durchdrang mich. Es war, als würde ich in etwas Lebendiges eintreten.

*

„Liebe ist ein Spiel. Ohne Gewinner.“

Als ich die Gelegenheit nutze, Sebastian in die Augen zu schauen – nur einen Augenblick lang, Sekunden bevor Ronald auf ihn aufmerksam wird und ich unfähig werde, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen, kaum noch atmen (ich atme nicht mehr!) und keinen Laut von mir geben kann, um das Kommende zu verhindern und die Gefahr irgendwie abzuwenden -, da kann ich die abgrundtiefe Traurigkeit, die Verzweiflung und den unausgesprochenen Wunsch sehen, der dann zu allem anderen und der finalen Katastrophe führt: Sebastians heimliches Gebet, diese mit aller Seelenkraft vorgetragene Bitte, die unbedingt erfüllt wird. Die Umstände ordnen sich mit unheimlicher Präzision an, und Ronald erreicht genau in der Sekunde den Level an Hass, der ihn befähigt, die Konfrontation zu seinen Gunsten zu entscheiden. Ich weiß nicht, wie ich auf die Leinwand geraten bin, aber diese Leinwand hält mich fest, während sich alles andere um mich herum in unglaublicher Geschwindigkeit und zugleich erschreckender Langsamkeit abspielt. Ich strecke meine Hand nach Sebastian aus, ohne sie zu bewegen, und ich fühle, wie meine Seele über die Grenzen meines Körpers hinauswächst. Ich habe kein Gefühl mehr dafür, was wirklich ist.

*

Der Times Square zog Bo an wie eine Motte das Licht, aber uns war er irgendwann zuwider, und darum gingen wir nur noch einmal mit ihm.
Wir gingen bis zur Höhe des NYPD, und die Hochhausfassaden um die Kreuzung herum leuchteten in der Dunkelheit wie ein überdimensionierter Weihnachtsbaum auf Speed. Wir mussten nur kurz miteinander reden, um zu wissen, wie wir es ihm zeigen wollten, und dann sagten wir ihm einfach, dass er nur für eine Minute die Augen ganz fest schließen und auf keinen Fall blinzeln soll. Bo ging in sich, horchte und atmete, und als er die Augen wieder öffnete, konnten wir sehen, dass er verstanden hat. Er wollte nie wieder an den Times Square.

*

"Ich muss etwas darüber schreiben."
Er sagte es uns am nächsten Morgen im Hotel, nachdem wir die Nacht kaum geschlafen hatten. Andauernd gingen die Sirenen der Polizeiwagen, und auch das Hupen auf den Straßen hörte nie auf. War es möglich, dass eine ganze Stadt auf Kokain war?
Ich fühlte mich inzwischen abgestoßen und wollte trotz allem, was mir an Manhattan gefallen hat, nur noch nach Hause, und seine Bemerkung, dass es nicht leicht werden würde, den Weg zu finden, war nur seltsam für mich.
Ich fragte ihn, ob er schon wüsste, wie die Geschichte heißen wird, und er sagte nur, dass der wirkliche Name schon passt und dass es keinen anderen für die Geschichte geben könne.

*

Hindurchzugehen war wie Tauchen, und die Dinge verschwammen vor meinen Augen. Ich konnte nichts klar erkennen, und das flimmernde Licht, das alles verzerrte und verfremdete, nahm auch die Töne in sich auf, und ich konnte die Stimme des Asiaten kaum noch hören. Er wollte mich auf etwas hinweisen (wollte er mich warnen?), aber seine Sprache war so fremd. Ein einziges Wort konnte ich klar hören, und es klang wie ein englisches Wort: Spikes.
Ich konnte nichts damit anfangen, und als ich mich umdrehte, konnte ich nur noch ganz schwach die Umrisse der Tür erkennen.
Hatte ich sie hinter mir geschlossen? Hatte der Asiate sie zugemacht?
Ich wollte rufen, aber ich bekam keinen Ton heraus, als ich die Lippen öffnete und etwas wie zähflüssiges Wasser in meinen Mund eindrang. Ich bekam Panik, aber ich konnte atmen, ganz normal atmen, und dann spürte ich, dass etwas ganz nahe war.
Es verhielt sich nicht aufdringlich, es wartete ab. Es war wie etwas im Hintergrund meines Verstandes mit einer ganz leisen Stimme.
Ich drehte mich um und hielt danach Ausschau, aber ich konnte nichts außer den flimmernden Lichtern erkennen, die nun einen langgezogenen Pfad abwärts über eine endlose Masse dunklen Samts bildeten. Das Schwarz war nicht Nichts; es war wie das zähflüssige Wasser in meinem Mund, meiner Nase und meinen Lungen greifbar, fast lebendig, und als ich den hellen Pfad abwärts ging, war es, als würde ich über Sterne wandern.

*

Als wir am JFK die langgezogene Halle zu unserem Gate gingen, war ich erleichtert. New York war ein Abenteuer gewesen, und ich würde diese pulsierende Insel niemals vergessen.
Ich würde mich immer an die Schönheit des Ausblicks auf dem Empire State Building erinnern, den unwirklichen Anblick der riesigen Lücke in der Downtown, in der die Stoßzähne des Säbelzahntigers so gewaltsam ausgebrochen waren.
Ich würde mir immer wieder Eiskalte Engel anschauen, den Song Every You, Every Me von Placebo hören und mir vorstellen, was Manhattan sein könnte, wenn der gepeinigte Körper dieser Insel befreit wäre von den wie Stacheln in den Himmel ragenden künstlichen Organen aus Stahl und Beton.
Und ich würde mich immer an das dunkle und machtvolle Herz dieser Stadt erinnern, das am Times Square schlug und dessen Beat nicht nur sämtliche Gebäude der Stadt durchdrang, sondern Vibrationen in Träumen erzeugte, die Menschen überall auf der Welt hatten, wenn sie sich dem Geist von Manhattan näherten.
Aber ich würde auch das unheimliche Gefühl nicht vergessen, als ich mich in den Straßen niemals allein und ständig von unsichtbaren Augen beobachtet fühlte. Augen, die nicht sichtbar, aber fühlbar waren wie ein Kälteschauer zwischen den Schulterblättern, und die die Maniacs mit der Zeit mit sich selbst reden ließen in ihrer ganz eigenen, nur für sie verständlichen Sprache auf ihren immer gleichen automatenhaften Bahnen durch die Avenues und Streets.
Und ich würde auch meinen Traum von der Bluttür nicht vergessen, den ich nur hier erzählen kann.

*

Ich ging nur zwei Schritte, da hielt sie mich auf. Ihr Name war wie ein Bild, und An-Cin bewegte sich wie ein Messer durch meinen Verstand, als sie mich daran hinderte, noch weiter zu gehen. Der Weg über die Sterne sei der Pfad der Deelay, und ich könnte niemals vorbereitet sein auf die Hölle, die mich an seinem Ende erwartete.
Was sie mich sehen ließ, erfüllte mich mit Grauen, und erst da wurde mir bewusst, in welche Falle mich der Asiate gelockt hatte.
Ich drehte mich um und konnte die Tür nicht mehr sehen. Wie weit war ich wirklich gegangen?
Die Angst schnürte mir die Kehle zu, aber mein Gedanke an die Tür erzeugte das Bild, und meine Sehnsucht zurückzukehren schuf den Weg, und als die Shai von der Bluttür in meine Welt als dem einzigen Ausweg sprach, da war mir egal, welches Wesen ich mit mir nehmen würde und ob ich ihr wirklich vertrauen könnte. Ihre Gegenwart fühlte sich gut an, und es brauchte zwei, um die Tür ohne Klinke öffnen zu können.
Mein Einverständnis war augenblicklich, und so trat das Wesen An-Cin in das ein, was sie meinen Frame nannte.

*

Ich erinnere mich nicht, wie der Traum zuende gegangen ist, denn inzwischen weiß ich, dass es ein Traum gewesen sein muss. Die rote Tür existiert nicht wirklich, und würde ich nach New York zurückkehren, würde ich weder den unheimlichen Laden des Asiaten noch diese Tür finden können.
Aber manchmal wache ich schweißgebadet auf, mein Herz rast, und ich kann mich nicht erinnern, wo ich in meinen Träumen gewesen bin - und was ich getan habe.
26.7.07 22:11
 

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